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„Die hält das Buch ja verkehrt herum!“

Siebtklässler besuchten am „Tag der Kulturen“ das Jüdische Museum - 28.07.2012 19:00 Uhr

FÜRTH  - Was bedeutet der Krug auf einem Grabstein? Wie klingt ein Schofar? Wie sieht es in der Synagoge aus? Und wie schmeckt Berches? Zum erstmals veranstalteten „Tag der Kulturen“ statteten rund 120 Schülerinnen und Schüler des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Oberasbach dem Jüdischen Museum Franken, der Synagoge und dem Jüdischen Friedhof einen Besuch ab.

Schülerinnen und Schüler des Oberasbacher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums — hier in der Mikwe des Jüdischen Museums — staunten im interaktiven Unterricht nicht schlecht über Gebräuche und Rituale der Juden.
Schülerinnen und Schüler des Oberasbacher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums — hier in der Mikwe des Jüdischen Museums — staunten im interaktiven Unterricht nicht schlecht über Gebräuche und Rituale der Juden.
Foto: Mark Johnston
Schülerinnen und Schüler des Oberasbacher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums — hier in der Mikwe des Jüdischen Museums — staunten im interaktiven Unterricht nicht schlecht über Gebräuche und Rituale der Juden.
Schülerinnen und Schüler des Oberasbacher Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums — hier in der Mikwe des Jüdischen Museums — staunten im interaktiven Unterricht nicht schlecht über Gebräuche und Rituale der Juden.
Foto: Mark Johnston

Das Zauberwort heißt „interaktiver Unterricht“. Soll heißen, die Siebtklässler bekamen, in Gruppen aufgeteilt, diverse Abbildungen von Exponaten in die Hand gedrückt. Diese gilt es im Museum ausfindig zu machen, zu studieren und den Mitschülern zu erklären.

Die zwölfjährige Lena findet sich im Zimmergewirr des Museums in der Königstraße nicht zurecht. „Wo geht’s denn hier lang?“ Einige Mitschüler laufen mit der Abbildung eines Kircheninterieurs herum. Muss wohl ein Modell sein. Nur dass die Kirche in diesem Fall eine Synagoge ist, genauer: die Alte Schul, die, 1667 erbaut, 1938 den Nazis zum Opfer fiel. Die Buben studieren das Modell der Alten Schul. „Das Kruzifix fehlt, die Bänke zum Hinknien, aber sonst?“


Lena hingegen weiß nicht so recht, was ihr Bild bedeuten soll: ein silberner Stift, der am Ende in eine Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger ausläuft. Schließlich wird sie bei den Thorarollen fündig. Dort befinden sich neben Kronen und Türmchen-Aufsetzern mit Glöckchen auch drei Jads, das sind Zeigestifte, mit denen der Rezitator die Zeilen der Thora nachfährt. Denn einmal geweiht, darf die Heilige Schrift nicht mehr mit blankem Finger berührt werden.

Nebenan erklärt die Kunsthistorikerin und angehende Lehrerin Kerstin Woitas-Schicker den jüdischen Speiseplan. „Nanu, die hält das Buch ja verkehrt herum!“, wundert sich ein Junge. Nein, die Juden lesen von rechts nach links und von hinten nach vorne. Aus einer hebräisch-deutschen Heiligen Schrift zitiert Woitas-Schicker den Katalog der reinen und unreinen Tiere. „Was aber ist mit Obst und Gemüse?“ Rätselraten. „Die gelten als neutral.“ „Und was ist mit der Milch?“, will ein Mädchen wissen. Und schon sind wir in der orthodoxen Küche mit zweifachem Koch- und Essgeschirr, die pedantisch auf der Trennung von Milchigem und Fleischernem beharrt. „Und wenn mal eine Verwechslung passiert? Muss man dann den Topf zerdeppern?“ — „Dann gibt es noch die Möglichkeit der rituellen Reinigung“, erklärt Woitas-Schicker. „Erst spült die Hausfrau den verwechselten Topf gut aus, dann nimmt sie ihn mit in die Mikwe und taucht ihn im reinigenden Wasser unter.“

Geschmückter Schrein

Aber was ist schon ein Modellbau gegen eine echte Synagoge? Staunend sitzen die 13-Jährigen in der renovierten Synagoge und wundern sich über die Klappen in den Bänken. Wie in uralten Klassenzimmern schlummern darin Thorabücher in Hebräisch und Russisch. Anstelle der Schultafel steht der geschmückte Schrein mit der Thorarolle.

„Die allermeisten unserer 330 Gemeindemitglieder kommen aus der ehemaligen Sowjetunion“, erklärt Larry Zweig, der selbst aus Brooklyn stammt. Wie in der Synagoge (und noch manch ländlicher Kirche) üblich, nehmen Männer und Frauen getrennt voneinander Platz — die Männer sitzen unten, die Frauen auf der Empore. Und damit ja keiner auf Gedanken kommt, die vom Gottesdienst ablenken, verunklärt ein feinmaschiges Gitter jeden Blick auf das andere Geschlecht.

Dreimal täglich betet ein orthodoxer Jude. Zum Frühgebet dankt der Mann dem Herrn, dass er aus dem todesähnlichen Schlaf erwacht ist, dass er Jude ist, kein Sklave — und dass er keine Frau ist. Da werfen die Mädchen pikierte Blicke, die Jungen feixen, auch die Lehrerin stutzt. „Freilich“, relativiert Larry Zweig, „danken auch die Frauen Gott dafür, dass er sie so, wie sie sind, erschaffen hat.“

Wenige Schritte weiter befindet sich der Alte Jüdische Friedhof. Hier nun ist die Kippa für Buben Pflicht, Mädchen brauchen keine Kopfbedeckung. Jetzt feixen die Mädchen: „Cooles Käppi!“ Keine Blumen liegen hier, nur Gras, Brennnesseln, Wildwuchs. Ab und zu Steine auf einem Grabstein. „Alles soll so belassen sein, wie die Natur oder wie Gott es haben will“, erklärt Museumsmitarbeiterin Karin Thürnagel. Blumen, erfahren die Kinder, sind für die Lebenden. Der Brauch, Steine auf die Grabsteine zu legen, rührt aus der Wüstenzeit her, als man Sandgräber gegen streunende Tiere und Flugsand befestigte.

Gespreizte Finger

Auf den ersten Blick sehen die Grabsteine alle gleich aus. Und doch tragen manche Zeichen wie einen Krug oder Hände mit voneinander gespreizten Mittel- und Ringfinger. Dies deutet auf die Kohanim hin, die Priester, die den Aaronitischen Segen mit gespreizten Fingern sprachen, und auf ihre Gehilfen, die ihnen zuvor das Wasser zur Reinigung reichten.

Es ist ein heißer Tag, die Aufmerksamkeit der Kinder ist erschöpft. Zeit für Mittagspause und Berches. Das ist ein Mohnzopf. Und er schmeckt köstlich. 

REINHARD KALB


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