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Die Lust am Schmökern erwacht schon im Kleinkindalter

Drei Fürther Experten zur Lesestudie, in der Deutschland nicht gut abschnitt - 07.12.2017 10:30 Uhr

Lektüre soll Kindern vor allem Spaß machen, sagen Pädagogen – wie hier ganz offenkundig im Rahmen des Lesen!-Festivals in der Adenaueranlage. © Foto: Winckler


Seit einiger Zeit treiben in der Volksbücherei "Geschichtendetektive" ihr Unwesen. Zehn Buben im Alter zwischen acht und zehn Jahren sind das derzeit. Einmal im Monat treffen sie sich, um aus einem Stapel Neuerscheinungen die besten Lesetipps herauszufiltern.

Cornelia Bley-Rediger begleitet das halbjährige Projekt – und ist immer wieder erstaunt, was sich daraus ergibt. Etwa Diskussionen darüber, ob der Tod in Kinderbüchern vorkommen sollte oder ob ein Jungsbuch, in dem Pferde vorkommen, trotzdem gut sein kann. Freilich weiß die Lese- und Literaturpädagogin der Volksbücherei auch, dass solche Projekte nur Schüler anlocken, die sowieso schon gern zum Buch greifen. Angebote für diejenigen, denen der Spaß am Lesen bislang noch abgeht, gibt es aber natürlich auch.

Führung durch die Bücherei

So führt Bley-Rediger regelmäßig Kindergartengruppen und Schulklassen durch die Büchereien der Stadt, erklärt ihnen, wie das System der Ausleihe funktioniert, welche Bücher in den Regalen stehen und dass spannende Geschichten nicht nur im PC zu finden sind. Doch auch wenn sie so Kinder motivieren möchte, mehr zu lesen, weiß sie: Der Grundstein muss eigentlich viel früher gelegt werden – im Elternhaus.

Kinder aus Familien, die über 100 Bücher besitzen, haben, so eine Erkenntnis der Iglu-Studie, einen Vorsprung von mehr als einem Schuljahr gegenüber denjenigen mit weniger Lesestoff daheim. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Vorlesen. "Es ist erwiesen, dass Kleinkinder, denen vorgelesen wurden, später öfter schmökern als andere", weiß Bley-Rediger. Jungs, die sich generell oft etwas schwerer mit dem Lesen tun als Mädchen, helfe es, wenn sie auch ihren Papa beim (Vor-)lesen erleben. "Dann baut sich da nicht das Bild auf, dass das nur was für Mädchen ist."

Auch Markus Braun kann den Wert des Vorlesens nicht genug betonen. So früh wie möglich sollten Eltern damit beginnen und ihren Kindern dabei viel Zeit und Liebe schenken, findet der Fürther Bürgermeister und Schulreferent. Die Aufgabe der Schulen sieht er darin, dort einzugreifen, wo man diese Vorarbeit daheim nicht leistet. Als große Chance sieht Braun hier die Ganztagsschule. "Dort gibt es einfach mehr Zeit für die Leseförderung, für eine Schulbibliothek oder spielerisches Lernen." Schon jetzt begrüßt er die Kooperation einiger Schulen mit Stadtteilbibliotheken in der Nähe. "Dort, wo die Lesekultur gepflegt wird, erreicht man auch die Kinder."

Darüber hinaus fände es der Schulreferent interessant, wenn man noch mehr erfahren könnte über die Studie — beispielsweise darüber, wie es einige Länder, darunter Großbritannien, Bulgarien und Russland, geschafft haben, Deutschland in der Rangliste zu überholen.

Auch Julia Wiegartz sieht eine große Herausforderung darin, mit dem Ergebnis der Iglu-Studie sinnvoll umzugehen. Die Rektorin der Roßtaler Grundschule hat bereits jetzt ein ganzes Bündel mit Maßnahmen geschnürt, die die Lesekompetenz ihrer Schüler fördern sollen. Dazu gehören etwa ein Vorlesetag, Paten, die nach dem Unterricht mit einigen Schülern noch lesen üben und eine Schulbücherei. "Ich denke, wir sind schon recht gut aufgestellt", sagt Wiegartz, die auch das Prinzip der jahrgangsübergreifenden Klassen an ihrer Schule für hilfreich hält. Ein eher schlechter Leser aus der zweiten Klasse habe so das Erfolgserlebnis, dass er einem Erstklässler helfen kann. "Das stärkt das Selbstbewusstsein und macht Lust, sich zu verbessern."

Einen Tipp für Eltern mit Leseanfängern hat sie auch: Kindern sollten keine Vorschriften bei der Lektüre gemacht werden. "Es geht nicht darum, was pädagogisch wertvoll ist." Wenn ein Kind am liebsten in Comics schmökere, sei das völlig in Ordnung. Lesen soll schließlich vor allem eines: Spaß machen. 

Gwendolyn Kuhn

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