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Dramaturgie des Ausnahmezustands

Katja Gehrungs inszenierte Selbstbildnisse im Bistro Galerie fordern den Betrachter heraus - 28.06.2017 09:09 Uhr

Die Roßtaler Fotokünstlerin — hier mit einer ihrer Selbstauslöser-Fotografien — inszeniert sich mit Vorliebe an ausgefallenen Orten wie diese alte Fabrikhalle. © Foto: Peter Budig


Der Betrachter versteht sie rasch anhand von Körpersprache und Kleidung und kann sich darauf beziehen. Um Zerrissenheit, Schmerz, Liebeskummer, Verlassensein geht es. Dabei legt Katja Gehrung einen heftigen Drang an den Tag, den Dingen auf den Grund zu gehen. Gerade die Verkleidung und Maskerade öffnet paradoxerweise Tore zu seelischen Vorgängen, wie es eine noch so klare Mimik nicht könnte. Das Beispiel ist eben repräsentativer und leichter erfassbar als der Einzelfall.

Ganz nah ran

Ob als coole Fetisch-Lacklady, als verletzte, allein zurückgebliebene Liebende, die nackt im Bad sitzt oder als zartes Mädchen mit Puppe, das sich im Keller versteckt hat – Gehrung geht hart vor und ganz nah ran. Die Frauen, die ihre Fotografien auf Alu Dibond festhalten, befinden sich in Extremsituationen, erleben einen Ausnahmezustand. Nein, die üblichen kleinen Alltagsbeobachtungen, Marktszenen oder Blümchen reizen diese Künstlerin nicht. Es muss schon ablaufen wie einst bei den Sex Pistols, als die ersten Punks die Welt mit ihrer Heftigkeit schockierten. Dazu passen auch die genutzten Orte, an denen Gehrung arbeitete: leer stehende Abrisshäuser, Schrottfabriken, einsame Landstraßen.


Das 19. Jahrhundert setzte sich gerne ins Bild. Dazu entwickelte es geeignete Mittel wie die Ausstellung, das Schaufenster und auch die Fotografie – sie alle präsentierten den Fortschritt. Auch Gehrung posiert gerne, mimt mit Spaß und Begeisterung das Mannequin, schauspielert manchmal fast. Doch sie färbt die Szenen meist dunkel, selbst wenn sie in Farbe aufgenommen sind. Ihr fehlt der naive Optimismus der alten Zeiten, als die Fotografie jung war. Ihre Ästhetik ist beherrscht von inneren und äußeren Kämpfen, von einer Einstellung, die urban, entfremdet, experimentell, kühl, zum Teil distanziert und introvertiert wirkt.

Eigenes Format

Durch die künstlerische Verfremdung, eben durch die eingenommenen Rollen setzen sich diese Aufnahmen von der unendlichen Masse der Selfies ab. Schließlich ist das Selbstbildnis heute das gängigste Bildgenre überhaupt. Ob im Restaurant, in der Oper oder in der Badewanne – die Menschen lichten sich überall ab. Aber eben oft unironisch und distanzlos, nicht so tausendschichtig, wie Gehrung arbeitet. Die verschiedenen Bedeutungsebenen sind es, die diese Ausstellung so spannend machen. 

  

PETER BUDIG

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