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Egersdörfer bekommt den Fürther Kulturpreis

Die Stadt zeichnet den Kabarettisten und Autor am Sonntag aus - 06.11.2018 16:00 Uhr

Als Kabarettist unterwegs zwischen Chaos und Weitblick, jenseits der Bühne ein nachdenklicher Zeitgenosse: Matthias Egersdörfer beim FN-Termin im Stadtparkcafé. © Foto: Tim Händel


Ein lauer Biergartenabend, eine Gruppe guter Freunde sitzt schon einige Zeit bei Bratwürsten und Bier. Und einer der Ruhigsten in der Runde, der meist nur zuhört, zwischendurch was nachfragt, meist entspannt in sich hineinlächelt, das ist "der Egers". Der raubeinige Choleriker, der gern sein Publikum zur Sau macht, seine Bühnenpartnerin Carmen demütigt und mitunter ordinär wie ein Pubertierender daherredet, ist privat ein charmanter, eher zurückhaltender Gesprächspartner. Trifft er vor oder nach der Bühnenshow in Fürth oder gar in seiner alten Heimatstadt Lauf auf alte und neue Freunde, dann sieht man ihm die Freude über den Austausch, auch übers Lob seiner Arbeit deutlich an.

Grausame Laufer Mathestunde

Irgendwann sehr bald in seinem Leben muss Matthias Egersdörfer der lustvolle Gedanke gekommen sein, das normale bürgerliche Leben ließe sich durch scheinbar sinnfreies und provokant witziges Hinterfragen auch gehörig auseinandernehmen. Möglicherweise geschah das in einer grausamen Mathestunde am Laufer Gymnasium. Denn im aktuellen "Fast zu Fürth"-Programm erinnert sich Egers an seinen damaligen Lehrer: "Hätte ich dem vor 30 Jahren erzählt, dass ich einst auf der Bühne stehen werde und mit dem Publikum minutenlang eine einzige Zeile singe, hätte der mich für verrückt erklärt." Ganz sicher. Denn diese Liedzeile lautet komplett dadaistisch: "Die Existenz in Trümmern."

Wer am Zertrümmern scheinbar sicherer Existenzen Gefallen findet, um die Bruchstücke dann gekonnt neu zusammenzusetzen; wer einen Erzählstil beherrscht, der von Alltagserfahrungen zu irrem Klamauk, oft aber zum philosophischen Nachdenken über die Welt führt; wer damit bis weit ins Jahr 2020 schon Bühnentermine zwischen Hamburg, Zürich und Wien im Kalender stehen hat, der kann sich wohl zu den erfolgreichsten deutschen Kabarettisten zählen.

Innerhalb von gut zehn Jahren hat Egersdörfer zahlreiche Preise eingeheimst. Den Durchbruch schaffte er 2007 mit dem Hamburger Comedy Pokal. Und witzigerweise hat man weder an der Elbe noch an der Donau oder Spree Probleme mit dem fränkischen Dialekt. Wer allerdings beobachtet, wie das Publikum etwa in der ZDF-"Anstalt" zusammenzuckt, wenn der Egers losbrüllt oder zotig wird, der weiß: Ein von allen Intellektuellen geliebter Kabarettist wird er nie sein. Macht ihm aber nichts aus, denn schon vor zwei Jahren verriet er im FN-Interview: "An vielen Wirtshaustischen, in Vereinen und im öffentlichen Nahverkehr ist Sex ein immer wiederkehrendes Thema. Dieselben Menschen, die mittags in der Kneipe Zipfelwitze reißen, haben dann oftmals Probleme damit, wenn am Abend auf der Bühne im ähnlichen Tonfall gesprochen wird."

Im Franken-"Tatort" darf er – in einer eher kleinen Rolle – den Leiter der Spurensicherung mimen, in der Nürnberger Staatsoper den Moderator ("König Ubu"). Wenn es die politische Lage ihm erforderlich erscheinen lässt, spricht er auch mal auf einer Anti-AfD-Demo. Und neue Programme startet er nicht mehr unbedingt in Franken, sondern zum Beispiel bei der Münchner "Lach und Schieß". Letztlich aber bleibt der 49-Jährige seiner Stärke treu, den Alltag und die Zeitgenossen genau zu beobachten und aus den daraus gewonnenen Bildern seine Weltsicht zu erläutern. Das ist gut so. Denn wer sonst könnte aus der Betrachtung des immerwährenden Spinnennetzes an der Nürnberg-Fürther Pegnitz-Radweggrenze eine Allegorie auf den alles in sich hineinraffenden Kapitalismus entwickeln? Und wer kann aus einem vermeintlich vergifteten Frühstückskaffee ein ganzes Abendprogramm voller fantastischer Geschichten und erstaunlicher Pointen stricken?

Dieses Pendeln zwischen chaotischem Alltag und kreativem Weitblick, zwischen fränkischer Verschrobenheit und klarer moralischer Haltung kennzeichnet auch das neue Theaterstück "Carmen oder Die Traurigkeit der letzten Jahre". Wie bei der ersten "Carmen" vor ein paar Jahren sind Claudia Schulz (als Egers-Freundin Carmen) und Andy Maurice Mueller (als schwuler Nachbar) die Mitspieler. Aber diesmal emanzipieren sich diese stärker vom Wüterich Egersdörfer. Und der Klamauk tritt zurück gegenüber prinzipiellen Gedanken über Liebe, Leben und Tod. Das Stück endet diesmal nicht in Frust und Chaos, sondern in einer romantischen Vision freier Liebe. Hinter dem cholerischen Egers steckt letztlich ein harmoniebedürftiger Optimist.

Show sucht Bleibe

Vor allem aber ein Teamplayer. Eigentlich, so verriet Egersdörfer auch einst im Interview, war er bei verschiedenen Theatergruppen immer der Letzte, der übrig blieb. Während sich die Mitspieler neue Aufgaben suchten, wollte er weitermachen. So begann die Solo-Karriere. Daneben aber pflegte Egers viele Jahre auf AEG und bis heuer im K4 eine Comedy-Lounge, zu der er neben deutschsprachigen Stars auch immer wieder Nachwuchskünstler einlud. Falls Fürth etwas für seinen neuen Preisträger tun will, wäre eine neue Bleibe für diese Gäste-Show fein, denn in Nürnberg ist Egers derzeit heimatlos.

Gleichzeitig kamen in den vergangenen Jahren zu den Bühnensolos (Regie auch hier: Claudia Schulz) immer mehr Gemeinschaftsproduktionen. Mit dem Österreicher Martin Puntigam entwickelte Egersdörfer das Programm "Erlösung". Seine Boygroup "Fast zu Fürth" ist reaktiviert. Ein ähnliches Profil hat die Kooperation mit der Band Gankino Circus, "Die Rückkehr des Buckligen — Geschichten aus 1001 Nacht!"

Ein jährlicher Pflichttermin ist für ihn seine Mitarbeit beim "Theater Dreamteam". Diese Truppe aus behinderten und nichtbehinderten Schauspielern, seit 20 Jahren zusammengehalten von dem Regisseur und Pädagogen Jürgen Erdmann, hat es dem Kabarettisten angetan: "Ich selbst habe keine Kinder, kenne sonst keine Behinderten und finde diese Theaterarbeit einzigartig gut." Wenn der Egers mit dieser begeisterten Gruppe zum Mond düst oder das gefährliche Krokodil spielt, dann darf man ihn sich als einen glücklichen Menschen vorstellen. So wie mit den Freunden im Biergarten. 

Walter Grzesiek

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