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Ein königlicher Höhenflieger ohne Abstürze

"Lesen!": Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali unternahmen Streifzüge durch die Bibel und den Koran - 30.06.2018 16:15 Uhr

Bachmann-Preisträgerin 1998, Büchner-Preisträgerin 2013, Theologin: Sibylle Lewitscharoff widmete sich im Kufo dem biblischen König Salomo, der im Islam Suleiman heißt. © Foto: Ralf Rödel


Ganz Fußball-Deutschland ist am Boden zerstört. Als Weltmeister in der Vorrunde ausgeschieden! Ein Absturz von alttestamentarischer Wucht. Wie Hiob möchte man auf dem Misthaufen sitzen und klagen. Freilich, wer das Buch Hiob durchliest, stellt bald fest, dass es Schlimmeres gibt, als vorzeitig aus dem Rennen zu fliegen. Vielleicht war auch dies ein Grund, weshalb der kleine Kufo-Saal so gut besucht war.

An archetypischen Gestalten sind Bibel und Koran reich. Das beginnt bei Adam und Eva, setzt sich fort mit Moses, mit Propheten wie Jonas, mit Hiob, dem Leidenden schlechthin, und natürlich dem gemeinsamen Stammvater Abraham. Der Koran erzählt dieselben Geschichten gelegentlich ganz anders. So pflückt im Paradies Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis; so tauschen Isaak und sein Halbbruder Ismael die Rollen; und Jesus (Isa) starb nicht am Kreuz, sondern ein anderer, der ihm ähnlich sah, denn Allah lässt seinen Propheten nicht im Stich.

Das hätte ein hoch kontroverser Abend werden können. Sibylle Lewitscharoff und Najem Wali schlugen lieber den sicheren Weg ein und begnügten sich mit einem biblisch-koranischen Vergleich des Königs Salomo, der im Islam Suleiman heißt. Der gilt als der reichste, gerechteste und weiseste unter den Königen Israels. Dennoch, auch Salomo ließ bei seinem Herrschaftsantritt Köpfe rollen, nachzulesen im 1. Buch der Könige.

Sprichwörtlich ist das meist falsch verstandene "salomonische Urteil": Im normalen Sprachgebrauch bezeichnet es einen Kompromiss, der allen Beteiligten gerecht wird; im biblischen Sinn ist es die Herausfindung der Wahrheit. Immer wieder neu zu entdecken ist das "Hohelied Salomos" in seiner erotischen Poesie, während der "Prediger Salomo" dem Leser harte Kost zumutet: Alles geht vorbei, und der Mensch mag sich mühen wie er will, er hat doch keinen Gewinn davon. "So klagt der klassisch Depressive" urteilt Lewitscharoff. "So klagt der, der alles hat", befindet Wali, "denn ein Armer hat keine Zeit für Schwermut."

300 Konkubinen

Laut Bibel gebot Salomo über einen Harem mit 700 Frauen und 300 Konkubinen. Oder steckt darin orientalische Fabulierlust? Letzteres dominiert laut Wali in der Beschreibung Suleimans im Koran. Dort gebietet Salomo/Suleiman über Dschinns und Geister, reist auf fliegenden Teppichen und versteht sogar die Sprache der Tiere, der Vögel wie der Ameisen. Was Salomo in der Bibel von den anderen Königen unterscheide, sei sein "Höhenflug ohne Absturz", urteilt Lewitscharoff. Saul und David begehen Verbrechen und fallen auf ihr zutiefst menschliches Maß zurück. Salomo indes bleibt laut Wali die Hybris erspart, weil er stets zur Buße bereit ist. So zitiert Wali die Sure 38, worin Salomo sich am Anblick seiner Pferde erfreut und darin Gott preist: "Seht, ich habe das Gute der Welt lieb in Erinnerung an meinen Herrn."

In der anschließenden Fragerunde erhob sich die Frage nach der Legendenhaftigkeit, der Ausschmückung der Texte, der Endredaktion und dem eigentlichen wahrhaften Kern. So gesehen ist der Koran abhängig von der Bibel, da er aus dem Alten Testament schöpft. Doch auch die Bibel zehrt von noch älteren Erzählungen. So findet sich die Geschichte von der Sintflut bereits im Gilgamesch-Epos, entstanden weit vor den ältesten Teilen des Alten Testaments. Natürlich gebe es auch phantastische Erzählungen, wie Moses’ Teilung des Roten Meeres oder Jonas’ Reise im Bauch des Wales. Doch die große Leistung der Bibel bestehe laut Lewitscharoff darin, dass sie sich vom Mythischen freigemacht habe und sich mit ihrer Figurenzeichnung "im Kerngebiet des Realismus" bewege.

Vielleicht sollte man den Prediger Salomo auch so begreifen, wenn er schreibt: "So geh hin und iss dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut. Genieße das Leben mit deinem Weibe, das du liebhast, solange du das eitle Leben hast, das dir Gott unter der Sonne gegeben hat; denn das ist dein Teil am Leben und bei deiner Mühe, mit der du dich mühst unter der Sonne."

Vor dem zeremoniellen "Lesen!"Höhepunkt, der Verleihung des Jakob-Wassermann-Literaturpreises an Barbara Honigmann diesen Sonntag um 11 Uhr im Stadttheater und der Lesung der Autorin um 19 Uhr im Kufo (Würzburger Straße 2), gibt es ein Wiedersehen mit dem Kult-Nacht-Duo des Vorjahres. Auf ihr urkomisches Bergdoktor-Programm lassen Sängerin Erika Stucky und Schauspieler Markus Hering — daheim im Burgtheater wie im "Tatort" — an diesem Samstag (Kufo, 20 Uhr), eine Ode auf den Western-Heftroman folgen. Für den Trash-Abend "Vier Groschen für ein Halleluja" gibt es noch Karten in der FN-Geschäftsstelle (Schwabacher Straße 106, Tel. 2 16 27 77) und an der Kasse.

Für null Cent Richtung Möbelhaus: Im Höffner-Shuttle-Bus liest diesen Samstag "Fürther Freiheit"-Autorin Petra Nacke (Abfahrt 16 Uhr ab Hauptbahnhof oder 16.30 Uhr ab Höffner) Kurzgeschichten. 

Reinhard Kalb

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