„Was reimt sich auf Murmel?“ fragt Nemo Nemesis in die Runde des Rap-Workshops im Fürther Kinder- und Jugendzentrum Alpha1. Schweigen. „Urmel“, ruft einer der vier zehn- bis 13-jährigen Teilnehmer. Dass weitere Vorschläge ausbleiben, ist kein Wunder, denn auf Murmel kann man nichts reimen. Eigentlich.
Nemo, seines Zeichens Rapper aus Nürnberg und in regionalen Fan-Zirkeln kein Unbekannter, will mit seiner Frage einen entscheidenden Vorteil des Raps im Vergleich zu klassischer Dichtkunst unterstreichen: „Weil wir oft sehr schnell rappen, haben wir bei den Reimen gewisse künstlerische Freiheiten“, erklärt Nemo. „Wörter wie Murmel können wir so zum Beispiel auf Strudel reimen, ohne dass es jemand merkt.“
Hip-Hop, oder Rap, das ist jener Sprechgesang, der Ende der 70er Jahre im New Yorker Stadtteil Bronx entstand und es über drei Dekaden hinweg vom regionalen Untergrund bis in die höchsten Höhen der internationalen Hitparaden geschafft hat. In Deutschland erlebte das Genre mit eher spaßig-kritischen Texten Ende der 90er seinen ersten Boom. Dieser Stil wurde in den vergangenen Jahren aber immer mehr vom „Gangster-Rap“, den harten Straßengeschichten aus deutschen Großstädten, verdrängt.
„Eine Träne fließt“, das erste von zwei Liedern, das die vier Fürther Hip-Hop-Fans unter der Regie von Nemo Nemesis erdacht haben, ist zwar zweifellos vom „Gangster-Rap“ aus Berlin, Frankfurt oder auch Nürnberg inspiriert, zeigt aber trotzdem, dass die Jungs nicht nur Interesse, sondern auch Talent haben.
Während Fabian, Maximilian, Melake und Simon ihre jeweiligen Strophen zum Besten geben, den Refrain singen sie gemeinsam, nickt Mentor Nemo zustimmend im Takt des düster-melancholischen Klavier-Instrumentals, das sich die vier aus insgesamt neun Hintergrundstücken, oder „Beats“, herausgesucht haben.
Eigene Zeilen steuert Nemo keine bei, er sieht sich eher als „Geburtshelfer“ denn als Gastmusiker. „Ich bin der Coach, der mit den jungen Spielern nicht mehr mithalten kann,“ scherzt der Nürnberger Rapper.
In zwei Tagen hat Nemo versucht, den Fürther Jungs die Struktur eines Songs näherzubringen. Wie viele Strophen hat ein Lied? Wann setzt der Refrain ein? Fragen wie diese sollten die Nachwuchs-Hip-Hopper aus „F-Town“, wie Fürth unter den jugendlichen Besuchern des Alpha1 auch gerne genannt wird, nach dem Workshop ohne weiteres beantworten können.
Nemo hofft, dass die Jugendlichen auf das von ihm vermittelte Grundwissen aufbauen und auch in Zukunft weiter Texte schreiben und rappen. Uwe Torsten Paul, Leiter des Alpha1, stimmt zu: „Gerade im Hip-Hop-Bereich haben die Kinder und Jugendlichen Platz zu beschreiben, was sie bewegt.“ Musikpädagogik gehöre zu den wichtigsten Aspekte der Jugendarbeit, so Paul, der von allen nur Torsten gerufen wird.
Für Nemo ist es zudem wichtig, dass seine Schützlinge Freude an der Sprache entwickeln. Er erzählt von Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln, die über den Hip-Hop zum Lesen deutscher Literatur gekommen seien. „Gerade als Rapper braucht man einen großen Wortschatz und ein gutes Sprachgefühl. Wenn man da nicht ständig dran arbeitet, sind die Grenzen schnell erreicht, vor allem für Nicht-Muttersprachler.“
Nach zwei Einführungstagen in die Welt des Hip-Hip folgt am Ende des Workshops eine Aufnahme-Session im Tonstudio des Alpha1, das übrigens komplett von Jugendlichen gezimmert wurde und den Besuchern des Jugendzentrums zur freien Verfügung steht.
Spätestens in der „Booth“, der Gesangskabine, sollten sich Fabian, Maximilian, Melake und Simon also fühlen wie echte Hip-Hop-Stars. Was man auf Murmel reimen kann, wissen sie jetzt ja auch.



