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Ein stilles Fest: Weihnachten 1945 in Fürth

Vier Menschen aus Stadt und Landkreis erinnern sich ans erste Weihnachten nach dem Krieg - 25.12.2015 11:00 Uhr

Im Pavillon der heutigen Adenaueranlage – noch ohne das inzwischen in den Stadtpark versetzte Kriegsgefangenendenkmal von Karl Dörrfuß – musiziert ein Kriegsinvalide mit Begleiterin für Almosen.

Im Pavillon der heutigen Adenaueranlage – noch ohne das inzwischen in den Stadtpark versetzte Kriegsgefangenendenkmal von Karl Dörrfuß – musiziert ein Kriegsinvalide mit Begleiterin für Almosen. © Fotos: Ferdinand Fitzethum


Gisela Naomi Blume hatte einen Puppenwagen aus Korb.

Gisela Naomi Blume hatte einen Puppenwagen aus Korb. © Foto: Winckler


Zerstörte Häuser sind es, die sich den Kinderaugen von Gisela Naomi Blume eingeprägt haben: „Wir waren ausgebombt und in notdürftig umfunktionierten Garderobenräumen der großelterlichen Bonbonfabrik in der Gebhardtstraße 25 untergekommen. Die Toilette war in den Produktionsräumen und in der Nacht hatte ich als Siebenjährige natürlich Angst, im Dunkeln dorthin zu gehen.“ Die Großmutter habe sie als uralte Frau in Erinnerung, dabei war sie Mitte 40.

Vor dem Christbaum mit viel Lametta sieht sich Blume, die erst als Erwachsene zum jüdischen Glauben konvertierte, neben der Oma mit einem Puppenwagen aus Korb stehen. Fotos von der ersten Nachkriegsweihnacht sucht sie vergebens. Heute lebt die ehemalige Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde im Bahnhofshochhaus mit Blick auf die alte Adresse. „Ich wollte zurück zu den Wurzeln“ erklärt sie ihren Umzug aus Zirndorf.

Der Vater, ein Mediziner, fehlte beim Weihnachtsfest. Er kehrte aus russischer Kriegsgefangenschaft nicht mehr zurück. Seine Berufslaufbahn hatte die Familie aus dem Saarland nach Fürth verschlagen. Als ältestes von drei Geschwistern begleitete Gisela ihre Mutter auf der Suche nach Angehörigen als blinder Passagier in einem Güterzug. „Bei jedem Halt mussten wir abspringen und uns verstecken“, berichtet sie.

Als Sechsjährige hatte sie auf dem Schulweg schon einen Tiefflieger-Angriff aus nächster Nähe erlebt und erkannt, dass Krieg kein Spiel ist. Die Großeltern väterlicherseits hatten Unterschlupf in einem Haus an der Rudolf-Breitscheid-Straße gefunden, nachdem ihre Nürnberger Wohnung zerstört worden war. „Durch Mauerdurchbrüche in den Kellern konnte man im Krieg bis zur früheren Polizeidirektion in der Nürnberger Straße kriechen“, erinnert sich Blume. Es sind Bilder der Heimatlosigkeit, die Gisela Naomi Blume im Rückblick auf die erste Nachkriegsweihnacht durch den Kopf gehen. Sie verdrängen Gedanken an Gabentische, Leckereien und Romantik vollständig.

Virgilio Röschlein bekam jährlich dieselbe Eisenbahn.

Virgilio Röschlein bekam jährlich dieselbe Eisenbahn. © Foto: Axmann


Eine große Portion Glück hat der Zirndorfer Virgilio Röschlein gehabt. Wie auch sein Vater kam der damals 17-Jährige rasch aus der Kriegsgefangenschaft heim. Darüber hinaus konnte der langjährige Bürgermeister am 1. Dezember 1945 den Grundstein seiner politischen Karriere legen: An diesem Tag wurde er als Verwaltungslehrling der Bibertstadt eingestellt.

Weihnachten nach dem Krieg – damit verbindet der heute 87-Jährige den vom Vater im Wald bei den Saugräben selbst abgesägten Nadelbaum und die Modelleisenbahn, die in einer Art Geschenk-Recycling jedes Jahr aufs Neue hervorgeholt wurde. Das und der Familienkreis: Mehr brauchte es damals nicht. „Wir waren zufrieden, es gab keinen Neid“, sagt Röschlein. Welten lägen zwischen dieser Genügsamkeit und dem Aufwand, der an Weihnachten jetzt für seine Urenkel betrieben werde.

Bei Kriegsende war der Zirndorfer an der deutsch-österreichischen Grenze in amerikanische Gefangenschaft geraten. Doch ein dunkelhäutiger Soldat hatte Mitleid mit dem Jungen und ließ ihn laufen – ohne Entlassungsschein. „Ich bin auf der Autobahn nach Hause gelaufen und habe in Scheunen geschlafen“, erzählt Röschlein. Daheim angekommen, musste er sich bei den Amerikanern in Ansbach melden und hatte erneut einen Schutzengel. Ein jüdischer Arzt bewahrte ihn vor einem Transport in ein Gefangenenlager nach Frankfurt.

Weil die Nürnberger Wirtschaftsoberschule zerbombt war, die er vor dem Kriegsdienst besucht hatte, gab es keinen Unterricht mehr für ihn. Dank seiner Englischkenntnisse fand er jedoch Arbeit als Dolmetscher in der Zirndorfer US-Kaserne. Ein Zubrot verdiente er sich als Akkordeonspieler mit Unterhaltungsmusik im Trio. „Weil wir kein Auto hatten, sind wir zu den Auftritten gelaufen“, erzählt er und betont: „Diese Bescheidenheit hat uns geprägt, auch als es uns später besser ging.“

1946 gründete Virgilio Röschlein die Jungsozialisten in Zirndorf, die damals mehr Mitglieder hatten als heute. 49 Jahre stand er in Diensten von Zirndorf, davon 32 Jahre als Bürgermeister.

Kurt Georg Strattners Familie drängte sich in der kleinen Küche.

Kurt Georg Strattners Familie drängte sich in der kleinen Küche. © Foto: privat


Die Erinnerungen an Heiligabend 1945 sind schwach, sagt Kurt Georg Strattner. Die Zeiten waren schwer, die Not habe vieles überlagert. Weil der Vater in der Nazi-Diktatur Polizist und noch dazu Parteimitglied gewesen ist, musste die Familie nach dem Krieg ihre Wohnung in der Erlanger Straße räumen und ins Hinterhaus ziehen.

Strattner war 15 Jahre alt. Vater, Mutter und die beiden Söhne hausten nun in zwei Zimmern. Aus dem einen rissen sie den Kachelofen heraus, damit auch das vierte Bett hineinpasste. Das andere Zimmer war ebenfalls mit Möbeln zugestellt. Die Familie hielt sich im Winter in der Küche auf – der einzige Raum, den sie dank des Herds beheizen konnte.

Hungern mussten sie gottlob nicht. Auf dem Land hatten sie Verwandte, von deren Höfen fiel immer wieder etwas ab. Auch an Heiligabend? „Es gab mit Sicherheit Kartoffeln“, sagt Kurt Georg Strattner. Die gab es immer. Dazu ein bisschen Brot. Und wahrscheinlich habe die Mutter zu diesem Anlass eine Scheibe Fleisch oder etwas Schmalz organisiert. Eine sehr patente Frau sei sie gewesen.

Gefeiert wurde zu Hause in der kleinen Wohnung. Ein Kirchgang nach Sankt Michael gehörte ebenfalls zum Fest. Die Eltern seien sehr christlich gewesen. In den besseren Jahren hätten sie Weihnachten immer mit einem stattlichen Baum gefeiert. Wenn sie neugierig durchs Schlüsselloch spitzten, drohten die Eltern: Das Christkind bläst euch die Augen aus! Ein bisschen gruselig findet das Strattner heute noch. In der winzigen Wohnung 1945 fand kein Christbaum Platz. „Aber wir hatten sicher ein paar Tannenzweige.“ Mit Lametta dran und Glaskugeln. Geschenke? „Ach, zum Kaufen gab’s doch eh nix, wir hatten auch keine besonderen Bedürfnisse.“

Dann fällt ihm doch noch etwas ein. Die Mutter habe viel gestrickt, alte Pullover aufgetrennt und daraus Neues erstellt. Als Kurt Georg Strattner im Oktober 1945 seine Lehre begann, machte sie ihm einen Malerkittel aus einem alten Betttuch. An Heiligabend, glaubt er, gab es für ihn und den Bruder ein Paar selbst gestrickte Strümpfe. Das musste reichen im Winter ’45, und es reichte auch. „Wir waren ja schon glücklich genug, den Krieg überlebt zu haben.“

Hedwig Vasold sorgte sich 1945 um ihren Bruder.

Hedwig Vasold sorgte sich 1945 um ihren Bruder. © Foto: Ziob


98 Jahre ist Hedwig Vasold alt, sie freut sich unglaublich auf den heutigen Heiligabend und die Weihnachtsfeiertage, die die ganze Familie in Obermichelbach zusammenbringen. Weihnachten liebt sie, sie hat so viele schöne Erinnerungen daran.

1945 aber gehört nicht dazu, es war ein eher trauriges Fest: Der sieben Jahre ältere Bruder fehlte. „Nach Kriegsende hatten wir keinerlei Nachricht von ihm bekommen. Wir wussten überhaupt nicht, was mit ihm war.“ Der letzte Brief stammte vom Februar.

Das Jahr hatte überhaupt viel Kummer gebracht. Die junge Frau, 28 Jahre alt und damals in Fürth zuhause, litt mit ihrer engen Freundin Lina, deren Schwester von einer amerikanischen Flieger-Granate getötet wurde. Sie hatte Brot besorgen wollen, erzählt Hedwig Vasold, „man riss sich um alles, was es zu essen gab“. Linas Familie bekam erst Tage später die Erlaubnis, die Tote zu sehen. Gemeinsam mit dem Pfarrer brachte Lina die Schwester auf einem Pferdewagen zum Friedhof.

Eine andere Bekannte berichtete, von Amerikanern vergewaltigt worden zu sein. Zu den schlimmen Nachrichten kamen in jenem Jahr die Sorgen des Alltags: Für Gemüse musste man stundenlang anstehen, erinnert sich Vasold. Die junge Lehrerin wusste zudem nicht, wie es beruflich mit ihr weitergehen sollte: Von der Militärregierung war sie eingestellt und bald wieder entlassen worden.

Es war ein stilles Weihnachten, das sie mit ihren Eltern in der Wohnung in der Fürther Amalienstraße 79 verbrachte. Diese teilte man sich bereits mit einem Herren aus Nürnberg und seiner Schwägerin, die ihr Heim nach Bombentreffern verloren hatten. Einen Christbaum gab es wohl, glaubt sie, an Geschenke kann sie sich nicht erinnern. „Das größte Geschenk war, dass wir am Leben und zusammen waren. Und dass wir keine Angst vor Bomben haben mussten.“

Ein freudiger Moment aber ist doch im Gedächtnis: „Im Herbst gab es eine Fleisch-Zuteilung. Alle waren glücklich und aßen das Fleisch sofort. Ich hätte das gern auch getan. Meine Mutter aber war klug: Sie hob die Fleischmarken auf und so gab es bei uns am ersten Weihnachtsfeiertag Fleisch!“

Mit Kerzen im Fenster zeigte die Familie damals, dass sie auch an jene dachte, die nicht dabei sein konnten. Es dauerte bis Juni 1946, bis man endlich erfuhr, dass der Bruder in russischer Kriegsgefangenschaft war. Als er heimkehrte, wurde Weihnachten wieder schöner. Und erst recht, als Hedwig Vasold Anfang der 50er Jahre – sie arbeitete im Fürther Michelsschulhaus – ihren Mann kennenlernte, bald selbst ein Kind hatte. Gestern Abend hat sie – wie zuletzt jedes Jahr – den Baum mit ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn geschmückt. Im Fenster leuchtet ein Weihnachtsstern. Heute kommen die Enkel. Und am ersten Feiertag die liebe Lina. 

Volker Dittmar, Johannes Alles, Claudia Ziob

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