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Manche Schulschwänzer fallen lange gar nicht auf. Weil ihr Platz im Klassenzimmer nicht leer bleibt, wie man es erwarten würde. Still und gedankenverloren sitzen diese Teenager die Stunden ab. Körperlich sind sie anwesend, aber was der Lehrer sagt, was Mitschüler antworten, erreicht sie nicht — weil es sie nicht interessiert, weil sie andere Sorgen plagen, und weil irgendwann die Wissenslücken so groß sind, dass sie nichts mehr verstehen.
„Passiv-Verweigerer“ nennt Hermine Hauck, Geschäftsführerin der städtischen Beschäftigungsgesellschaft elan, diese Schüler, die ihren Abschluss ebenso gefährden wie jene, die im Bett bleiben, durch Geschäfte bummeln oder im Park abhängen, während die Mitschüler Neues lernen. Passiv-Verweigerer, das sind laut Hauck oft Mädchen, während Jungs schneller ganz fernbleiben vom Unterricht. Manche lassen sich wochenlang nicht mehr in der Schule blicken, sagt Eva Fiedler, die das elan-Projekt „Die 2. Chance“ leitet. Für 25 Schüler pro Jahr ist es eine Chance, den Anschluss zu finden. Schon 12- und 13-Jährige nehmen an dem Projekt teil.
Wie viele Kinder und Jugendliche in Fürth regelmäßig die Schule schwänzen, kann Fiedler nicht sagen. Zahlen zu ermitteln, ist schwierig, weil die Grenzen fließend sind. Ein Indiz dafür, wie ausgeprägt das Problem in einer Stadt ist, sei aber die Zahl der Jugendlichen, die ohne Abschluss ins Berufsleben starten müssen: 88 waren es in Fürth im Juli 2007 — also etwa 20 Prozent der 400 Mittelschüler, für die damals die Schulzeit endete. Das Projekt „Die 2. Chance“ war gerade angelaufen. Danach konnte die Zahl immerhin halbiert werden: 42 Schüler verließen im Juli 2010 die Schule ohne Abschluss. Geholfen hat laut Schulreferent Markus Braun, dass an den Schulen mehr Sozialpädagogen im Einsatz sind — „und dass es die ,2. Chance‘ gibt“.
„Mit den zehn Prozent, die keinen Abschluss haben, liegt Fürth im Bundesdurchschnitt — und das ist immer noch eine bedrohliche Zahl“, stellte der hiesige Grünen-Bundestagsabgeordnete Uwe Kekeritz nachdenklich fest, als er sich kürzlich über das Projekt informierte: „Was kommt für diese jungen Leute danach? Was bedeutet das fürs Selbstwertgefühl?“
Dass davon meist schon bei den Schulschwänzern nicht mehr viel übrig ist, weiß elan-Geschäftsführerin Hermine Hauck: „Hinter diesen Fällen steckt viel Frust. Die Kinder erleben sich als Verlierer, die am Rande stehen.“ Als ehemaliger Lehrer stimmte Braun zu: „Die Mitschüler denken vielleicht noch, dass es cool ist, wenn einer nicht in die Schule geht. Aber die Betroffenen genießen die Situation nicht. Die Freunde gehen in die Schule — und sie bleiben zurück. Dadurch verlieren sie auch Kontakte und Berührungspunkte.“
Mit der Teilnahme an der „2. Chance“ bessert sich die Situation, wie Fiedler mit Zahlen belegt: Nach einem halben Jahr beteiligen sich 87 Prozent der Schüler wieder regelmäßig am Unterricht „Sehr schnell verbessern sich auch die Noten.“
Meist sind es Lehrer, die Eva Fiedler und ihre Kollegin Daiana Danci um Hilfe bitten. Wenn die Schüler sich auf das Projekt einlassen, bedeutet das: wöchentliche Treffen mit den beiden Sozialpädagoginnen, Nachhilfestunden, Einbindung der Eltern.
Anfangs, erzählt Fiedler, gehe es darum, ein Vertrauensverhältnis zu den Schülern aufzubauen, auszuloten, „wo das eigentliche Problem liegt“. Das können Eltern sein, die überfordert sind, Mitschüler, die mobben, oder Sprachprobleme, die Lücken in allen Fächern zur Folge haben.
Viele der Schwänzer, so Fiedler, haben zu Hause niemanden, der ihnen helfen kann. Manche Eltern unterstützen das Schulschwänzen unbewusst noch: wenn sie ihr Kind in der Schule entschuldigen, weil es über Bauchschmerzen klagt. Mal wieder.
Kontakt zur „2. Chance“ unter Tel. (0911) 239935-50 oder -60.



