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Wenn die Klasse 1aH der Pestalozzi-Schule Unterricht hat, sind manchmal fünf Erwachsene im Raum: zwei Lehrerinnen, eine Kinderpflegerin und zwei sogenannte Schulbegleiter. Das ist auch nötig, denn einige der Mädchen und Jungen brauchen besonders viel Zuwendung, ja sogar Pflege. Ein Bub, der auf einen Rollstuhl angewiesen ist, lernt hier ebenso wie neun geistig behinderte Mitschüler.
Manche von ihnen tragen noch Windeln, was unter anderem die Hilfe der Kinderpflegerin erfordert. Schließlich sollen die Lehrerinnen nicht jedes Mal die Stunde unterbrechen, wenn ein Kind gewickelt werden muss. Das Besondere an der Klasse: Der Rest der Mädchen und Jungen hat keinerlei Beeinträchtigungen.
Schon seit 1999 arbeitet die Pestalozzischule eng mit der Hallemannschule zusammen, einem Förderzentrum mit Schwerpunkt „geistige Entwicklung“ der Lebenshilfe Fürth. Seit 2002 gibt es an der „Pesta“ eine gemischte Klasse, die offiziell den Namen „Außenklasse“ trägt. Unterrichtet werden die Kinder von Gabi Wille (Pestalozzischule) und von Myriam Kunze (Hallemannschule) jeweils von der ersten bis zur vierten Klasse und das mittlerweile schon im dritten Durchgang.
Ab der Fünften haben die Schüler der jetzigen 1aH — das H kommt von „Hallemannschule“ — später die Möglichkeit, gemeinsam mit Mittelschülern der „Pesta“ zu lernen. Das aber wird dann nicht mehr in allen Unterrichtsfächern der Fall sein.
Bedenken, die Kinder mit Behinderung könnten das Lerntempo ihrer Kameraden drosseln, haben die beiden Lehrerinnen längst zerstreut. In der Klasse gilt der Leitsatz „Alle lernen einen Stoff, doch nicht jeder hat dasselbe Ziel“. Beispiel: Im Moment sind die Wiese und ihre Tierwelt das Thema; während die Pesta-Schüler selbstständig lesen, bekommen die Fitteren der „Hallemänner“ den Text vorgetragen, die anderen basteln einen Schmetterling. „Jeder lernt das, was er lernen kann“, sagt auch Hans-Peter Haas, Leiter der Pestalozzi-Schule.
Und scheinbar nebenbei lernen die Kinder noch fürs Leben. Toleranz zum Beispiel. Oder Schwächeren zu helfen. Das können die Pesta-Schüler bestens. „Und sie bauen keine Vorurteile auf“, sagt Kunze. Gemeinsam mit einem Down-Syndrom-Kind zu lernen, zu lachen und vielleicht auch mal zu streiten, ist für die „Pesta-Kinder“ so normal wie für andere die tägliche Fahrt mit dem Schulbus.
Aber auch die „Hallemänner“ profitieren von ihren Mitschülern. Bei der Fahrradprüfung im Sommer 2010 – damals war die Außenklasse gerade im vierten Jahrgang — entwickelten einige Hallemann-Kinder laut Kunze einen solchen Ehrgeiz, dass sie auch dank der Hilfe ihrer Kameraden das Radfahren noch lernten. „Jeder ist anders, aber so wie du bist, bist du gut“, nennt Wille einen weiteren Leitsatz aus der Klasse.
Dass ihre Arbeit nun quasi „geadelt“ wurde, freut die beiden Lehrerinnen und ihren Rektor sehr: Als eine von 37 Schulen in Bayern kürte der Freistaat die „Pesta“ — ebenso wie eine Schule in Cadolzburg — zur „Profilschule Inklusion“. Der Begriff steht für das Bemühen, alle Menschen in das soziale Leben einer Gesellschaft einzubeziehen. Als Hans-Peter Haas gehört hatte, dass es diese Art Modellschulen geben soll, schickte er sofort eine Bewerbung ab. „Im Prinzip machen wir ja schon genau das, was vom Kultusministerium verlangt wird“, sagt er. Während aber andere ausgewählte Schulen jetzt „bei null anfangen“, werde an der „Pesta“ die „erfolgreiche Arbeit einfach fortgesetzt“.
Zwar wird die Außenklasse ab September in Tandemklasse umbenannt, und es gibt etwas mehr Förderstunden. Sonst aber ändert sich nicht viel. Dennoch sieht Haas den Titel als Fortschritt, und auch Kunze sagt: „Jetzt ist das Ganze nicht nur eine Vereinbarung zwischen zwei Schulen, sondern durch das Ministerium festgezurrt.“
Sie und ihre Kollegin erhoffen sich zudem vom Freistaat, dass die Kinderpflegerin häufiger als zwei Tage die Woche kommen kann. Und eine kleine bauliche Veränderung steht ganz oben auf dem Wunschzettel: Zwar hat die Stadt Fürth bereits für einen Therapieraum und eine Dusche samt Wickelmöglichkeit gesorgt, es fehle aber noch eine rollstuhlgerechte Toilette.
Rektor Hans-Peter Haas wird das nicht mehr im Dienst erleben. Er geht im Sommer in den Ruhestand. „Das ist schon erstaunlich“, sagt er schmunzelnd. „Da machen wir an der ,Pesta‘ seit 13 Jahren langsam wachsend das, was man heute plötzlich Inklusion nennt.“



