Mittwoch, 14.11.2018

|

Eine Frage von Leben und Tod

Vortrag auf der Cadolzburg: Kampfverletzungen und ihre Folgen im Mittelalter - 05.11.2018 19:30 Uhr

Derart geschützt zogen im Mittelalter nicht viele Soldaten in den Krieg. Mit Panzer und Harnisch waren die wenigsten ausgestattet. © Peter Budig


Die Frage, was bei den verletzten Menschen über Tod und Leben entschied, hat Uta Piereth seit langem beschäftigt. Ein Rechtsmediziner aus dem 21. Jahrhundert kann darauf einige Antworten geben. Prof. Marcel Verhoff, Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Frankfurt/Main, hat sich die Schädel mit den Spuren angesehen.

Leichte Rundungen an den Lochrändern einer Schädelfraktur, erklärt er, sind ein Hinweis darauf, dass der Verletzte zumindest einige Tage überlebt hat. Denn diese Rundungen belegen Wachstum, das erst drei Tage nach der Verwundung einsetzt.

Was die Schädelverletzungen aber nicht preisgeben und worüber Wissenschaftler Jahrhunderte später nur Mutmaßungen anstellen können, sind die Auswirkungen auf das Gehirn. "Das kann durchaus Schaden erlitten haben, der zu den verschiedensten Ausfällen bei den Körperfunktionen geführt haben könnte." Lähmungen, Dauerschmerzen oder psychische Veränderungen können kaum behandelbare Langzeitfolgen gewesen sein. Da es in den wenigsten Fälle ein soziales Netz gab, mag man sich die Situation der Kriegsversehrten nicht ausmalen.

Für Laien überraschend sind Verhoffs Bewertungen zu Schädelfrakturen dennoch: "Manche Verletzung ist mit Bruch besser zu verkraften als ohne." Weit schwieriger waren und sind nach Verhoffs Beschreibungen Verletzungen, die Einblutungen nach sich ziehen: "Der Druck im Gehirn steigt und der geschlossene Schädel wird zur Falle." Ein Bruch dagegen, könne den Innendruck verhindern, die Chancen zu überleben, steigen.

Bevor jedoch der Rechtsmediziner über mögliche Todesursachen oder Gesundheitsrisiken an Skeletten forschen kann, ist der Archäologe zur Stelle und sichert bei Ausgrabungen die Befunde. Dr. Uwe Michas vom Landesdenkmalamt Berlin-Brandenburg befasst sich allerdings nicht nur beruflich mit dem Mittelalter.

Michas ist auch Mitglied einer sogenannten Reenactment-Gruppe, die historische Ereignisse möglichst authentisch neu inszeniert. Als Mitglied von "Rabenhammer" hat sich Michas der Zeit des Deutschritterordens zugewandt und erweckt aus beruflicher Neugier und privater Leidenschaft mittelalterlichen Alltag zum Leben. "Dazu gehört auch, dass wir Kampfszenen nachstellen."

Reenactment kann durchaus Licht ins Dunkel der Geschichte bringen. Ein Beispiel macht es deutlich. "Wir haben die Skelette von drei Kriegern gefunden", erzählt Michas von seiner Arbeit und beschreibt die Verletzungen an Beinen und Schädeln. Anfangs ging man wegen der Beinverletzungen davon aus, dass es sich um gestürzte Reiter handeln müsste. Aber es habe Zweifel gegeben, so Michas.

Die Aufgabe seiner Reenactment-Gruppe war, den Hergang der Kampfhandlungen nachzustellen. "Am Ende war klar, dass hier wohl drei blutige Anfänger auf einen erfahrenen Krieger gestoßen sind", so der Archäologe. Der habe den unerfahrenen Kämpfern erst Beinverletzungen beigebracht und sie, als sie fliehen wollten, von hinten mit dem Schwert erschlagen.

Die fächerübergreifende Zusammenarbeit eröffnet bei der Deutung von Funden ganz neue Perspektiven. Archäologe Michas denkt dabei etwa an eines der größten Schlachtfelder der Bronzezeit, das in Mecklenburg entdeckt wurde: "Mit Hilfe von Botanikern konnten wir anhand von Pflanzenresten nachweisen, dass die eingefallenen Aggressoren aus dem Alpenraum gestammt haben."

Zurück im Mittelalter berichtet Michas vom schlechten Schutz der Soldaten, wenn sie in eine Schlacht ziehen mussten: "Mit Panzer und Harnisch waren nur die wenigsten ausgerüstet."

Und der Mediziner Verhoff erzählt, dass man saubere und schmutzige Verletzungen unterscheidet. "Ein klarer Schwerthieb hatte oft weniger schwerwiegende Folgen als der Treffer mit der verschmutzten Pfeilspitze oder der giftigen Bleikugel."

Die Behandlungsvorschläge, die Uta Piereth aus alten Quellen zusammengetragen hat, muten nur im ersten Moment abenteuerlich an. Doch Wunden mit Ziegenmilch auszuspülen, könnte durchaus geholfen haben, wenn die Milch nicht verunreinigt war. Und die Löcher, die Bleikugeln ins Körpergewebe schlugen, mit Fett auszustreichen, war vielleicht lebensrettend. Rechtsmediziner Verhoff: "Das Fett hat eine Immunreaktion ausgelöst und der entstehende Eiter das Blei mit abtransportiert." Dennoch räumen die beiden Referenten ein: "Wir haben mehr Vertrauen in moderne Therapien."

  

Petra Fiedler

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Cadolzburg