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Meine Mutter war gelernte Schneiderin. Eine Zeitlang verdiente sie ein Zubrot mit ihrer Kunst, weil der noch spärliche Lohn des Vaters nicht immer reichte für die kleine Familie. Da saß sie oft genug bis in die späte Nacht mit Stoffen und Kleidungsstücken meist fremder Menschen in den Händen an der „Pfaff“- Nähmaschine, die sich die Eltern zugelegt hatten und deren Abzahlung durch die monatlichen Raten die Haushaltskasse für lange Zeit zusätzlich belastete.
Schwarz war der seltsame und irgendwie geheimnisvolle Apparat, mit Rädchen und Spulen, die sich sanft drehten und bewegten, eine feine Nadel verschwand senkrecht im Nichts und tauchte ebenso rasch wieder auf, hauchdünne Fäden spannten sich in unerklärlicher Ordnung. Natürlich handelte es sich hier noch um ein Maschinenmodell ohne jeglichen elektrischen Anschluss: Ein breites Pedal musste geschickt mit den Füßen bewegt werden, die Kraft übertrug sich mittels eines Lederriemens und setzte so den Mechanismus in schnellen oder ganz langsamen Gang, wie es für den Stich oder zu bearbeitenden Saum gerade gebraucht wurde.
Links und rechts hatte die „Pfaff“ Schubladen, in denen ein Durcheinander von Nadeln und Fadenrollen, Scheren und Fingerhüten, Gummibändern und Borten herrschte. Wurde nicht genäht, verschwand der schwarze Korpus wieder im Bauch des Möbels, auf das schräg eine gestickte Tischdecke gelegt wurde, ein Väschen mit Blumen darauf.
Sicher sind diese Erinnerungen der Grund für die gewiss etwas sentimentale Faszination, die heute noch die kleinen Änderungsschneidereien auf den Erwachsenen ausüben. Es gibt sie in vielen Nebenstraßen der Stadt, in der Mitte wie im Süden. Untergebracht sind sie in alten Läden, die über nicht mehr als ein Schaufenster und eine Eingangstür, einen engen Verkaufsraum und noch ein winziges abgetrenntes Nebenzimmer verfügen. Vielleicht war da früher mal ein Schuster drin oder ein Tabakladen, eine Hutmacherin mochte dort ihre Kreationen erfunden oder ein Lebensmittelhändler Waren für den alltäglichen Bedarf angeboten haben.
Oft sind sie über Nacht da. Diese Schneidereien existieren nach ihren eigenen ungeschriebenen Gesetzen. Ihre Einrichtung ist spärlich. Durchs Fenster sieht man einen kleinen Tisch, der als Verkaufstheke dient, mit Zetteln übersät. Eine wirkliche Kasse gibt es nicht, Geld wird in der Schub-lade oder in einer Blechdose aufbewahrt. Im Hintergrund dann der eigentliche Arbeitsplatz. Eine Nähmaschine, längst mit Strom betrieben, aber keineswegs das neueste Modell. An den Wänden Kleiderhaken und Stangen, an denen Mäntel und Jacketts, Hosen und Blusen hängen, fertig zur Abholung oder noch wartend auf eine Änderung.
Treten wir ein. An der Tür ein mit krakeliger Schrift beschriebenes Papier, das die gesetzlich geregelten Öffnungszeiten verzeichnet – an die sich aber niemand hält: Bis spät in die Nacht sieht man nicht selten drinnen Menschen bei der Arbeit. Die Atmosphäre in diesen Läden ist scheinbar überall gleich. Man fühlt sich wie aus der Zeit gefallen, der Raum existiert außerhalb jeglicher Norm. Ein Ölofen grummelt in einer Ecke. Es ist, abgesehen von den Radioklängen, still, das Schweigen gehört zum Handwerk. Die Schneiderin beugt sich über ihre Maschine, schiebt mit geübten Fingern den Stoff in alle möglichen Richtungen, das Surren des Nähapparats ist die Hintergrundmusik dazu.
Etwas versteckt sitzt auf einem Hocker ein Freund oder eine Freundin der Schneiderin. Der Laden, in dem streng genommen nichts verkauft, in dem nur geholfen wird, hat auch die Funktion eines Wohnzimmers. Es ist ein wenig wie damals daheim, als das Kind sich hinter die nähende Mutter auf den Stuhl zwängte und stumm der Arbeit zusah. Hier im Laden tratscht man miteinander, man geht sich zur Hand, fachsimpelt, gibt Tipps, wie diese komplizierte Naht am besten angelegt werden sollte, man kocht Tee und lässt die Uhr vorrücken, die hier nach einem anderen Maß verläuft als draußen vor dem Schaufenster, wo Autos hupen, Passanten eilen.
Und dann zeigt man auf sein Anliegen. Mit wenigen Worten wird die Aktion angedeutet, mit Kreide wird die gewünschte neue Länge angezeichnet, mit Nadeln die Weite abgesteckt. Das geht so flink von der Hand, dass man gar nicht selber richtig zu Wort kommt: ein stummes Einverständnis und ein unkomplizierter Handelsabschluss, durch einen Blick besiegelt. Der Preis dafür, der genannt oder auf einen schon anderweitig beschriebenen Papierschnipsel notiert wird, ist kurios gering. Der Abholtag? Übermorgen oder nächste Woche. Man kommt vorbei, man fragt nach.
Keine noch so mit perfektionierter Reibungslosigkeit und bis ins normierteste Detail funktionierende Welt wird diese Änderungsschneidereien überflüssig machen. Man kann nun einmal kein im Zwickel spannendes Beinkleid oder eine überm Busen sich bauschende Bluse in eine Maschine stecken und warten, bis sie auf Knopfdruck in Passform wieder herauskommt. Es wird immer die Augen und die Hände, die Geduld und das Können dieser Handwerker vonnöten sein, damit man sich in seiner Kleidung wohl fühlt.
So plötzlich sie irgendwann an irgendeinem Ort erscheinen, so unauffällig sie wie aus einer vergangenen Welt übrig geblieben existieren, so spurlos sind diese Schneidereien bisweilen von gestern auf heute auch wieder verschwunden. „Geschlossen“ steht in Handschrift am Fenster und die Räume dahinter sind leer. Vielleicht hängt noch vergessen eine Ansichtskarte mit blauem Meer da-rauf an der nackten Wand. Dorthin mag die Schneiderin gegangen sein, der schmale Verdienst hat gereicht.
Und dann fragt man sich, wo sie alle hin verschwunden sind, die Jacken und Hosen, Mäntel und Hemden, die nicht abgeholt wurden. Mitgenommen in den Süden? Ach was, dort braucht man sie nicht. Doch schon eine Woche später richtet sich ein ganz anderer Schneider, möglich aus einem ganz anderen Land, wieder am selben Ort ein. Und an die Haken und Stangen werden die vermissten Kleidungsstücke erneut aufgehängt. Verloren geht nichts. Wann das Teil fertig ist? Übermorgen oder nächste Woche. In Ordnung, man schaut halt vorbei.




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