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Entspannte Tour im Land der Ideen

Offene Türen in 60 Fürther Galerien und Ateliers übten große Anziehungskraft aus - 20.10.2008

Streifzug durch Fürths Schatzkammern: Auch im Atelier von Akbar Akbarpour (li.) und in der Werkstatt von Edda Schneider fand das Publikum viel Interessantes.

Streifzug durch Fürths Schatzkammern: Auch im Atelier von Akbar Akbarpour (li.) und in der Werkstatt von Edda Schneider fand das Publikum viel Interessantes. © Thomas Scherer


Die Kunst ist so frei. Berührungs- und Schwellenängste haben an den Schauplätzen des kreativen Schaffens nichts verloren. Daheim bei Künstlern: die Zwanglosigkeit, mit der sich die Besucher an den 60 Schauplätzen bewegen können, die Möglichkeit, mit Künstlern ins Gespräch zu kommen, ermöglichen tiefere Einblicke ins Kunstschaffen als bei gewöhnlichen Vernissagen.

Ein Land der Ideen verbirgt sich in Fürth hinter altem Gemäuer - mal erschreckend, mal amüsant, immer jedoch originell. Beim Iraner Akbar Akbarpour im Hinterhof der Kaiserstraße 160 sind es die massiven Skulpturen, mit denen der Prager Wenzel Vaclav Gatarik versucht, dem Leben eine Form zu geben, bei Hjalmar Leander Weiss in der Rosenstraße 15 eine Toiletteninstallation mit der die ebenfalls aus Prag stammenden Hata Hlavata intim wird.

Rückblick zum Abschied

Zum 8. «Gastspiel» des Kulturrings C haben Fürther Künstler Kollegen aus aller Welt in ihre Ateliers eingeladen. Die Parallelveranstaltung der nicht organisierten Szene: «Kunst in der Stadt» überspringt unbekümmert die Grenzen zur angewandten Kunst und zum Kunsthandwerk. Wehmut schwingt bei der Retrospektive in der Werkstatt von Edda Schneider mit. Nach fünf Jahren zieht sich die Künstlerin aus dem Fürther Ausstellungsgeschäft zurück.

Zum Abschied wird es noch einmal bunt in der Kaiserstraße. Ein kombinatorisches Spiel mit farbigen Winkeln treibt der Nürnberger Waldemar Bachmeier. Allein unterschiedliche Farbkombinationen verleihen im Schaufenster einer Porträtserie von Georg Pirner variierenden Ausdruck und in Eva Engelhards den Boden bedeckende Arbeiten bricht die Farbe durch die flächige Schwärze. Am 22. Oktober um 19 Uhr wird in der Werkstatt ein Film über Pirners Spiegelbilder gezeigt, am 24. Oktober kommen um 16 Uhr Eva Engelhardt und Anneliese Kraft zu Wort und am 25 Oktober holen um 19 Uhr Ernst Schultz, Holger Stamm und Valérie May die Beatles zum Finale der Retrospektive in die Werkstatt.

Ähnlich abwechslungsreich präsentiert sich die Kofferfabrik - auch wenn nicht in allen Ateliers genug Platz ist, um auch noch Werke von Gastkünstlern zeigen zu können. Fredder Warnoth zum Beispiel kann sich selbst kaum noch zwischen seinen ausladenden Installationen bewegen. Gerade schnitzt er für die Ausstellung 500 Jahre «Betende Hände» vom 22. November bis 21. Dezember im Nürnberger Kunsthaus eine Art Flügelaltar. Dabei lässt er das Dürer-Klischee zum Victory-Zeichen werden.

Während in den Ateliers der Kofferfabrik die Bulleröfen knistern, illuminieren draußen im Hof Baumfackeln die klare Herbstnacht. Gastspiel und Ateliertage treffen in der Koffer aufeinander. Für das Publikum macht es ohnehin keinen Unterschied.

Das Ehepaar Fröhlich hat gerade erst mitbekommen, dass zwei Aktionen parallel laufen, nämlich das «Gastspiel» und «Kunst in der Stadt». Nun ist es etwas verwirrt. Aber nach einigen Minuten haben sie sich kopfschüttelnd beide Faltblätter besorgt und einen Überblick verschafft. «Komisch, dass das doppelt ist. Aber egal, wir schauen einfach überall rein, wo wir vorbeikommen, schließlich wollen wir Bilder und Skulpturen sehen. Wer das nun veranstaltet, interessiert uns weniger», meinen sie.

So geht es auch den meisten anderen Flaneuren. Selten pulsiert am Sonntag so viel Leben in der Innenstadt - und die Unterscheidung, welches Atelier nun zu welchem Lager zählt, fällt schwer. «Egal, wir laufen, so weit wir kommen», meinen Sina Bach und Lena Gedon aus Fürth. «Das ist ja direkt ein Overkill», sagt Max Ackermann. «Man muss sich gezielt was auswählen.»

Eine echte Friedensstifterin ist Uschi Eckbauer, die in ihrem Atelier ihre knallbunten, flächigen Werke zeigt - etwas konkreter als ihre früheren Arbeiten. «Mein Traum ist es, dass alle Künstler zusammen etwas auf die Beine stellen», erzählt sie. «Ja, wenn nur alle so auf Harmonie bedacht wären», wirft eine Dame ein.

Dann schaut sie sich die Gäste in Eckbauers Galerie «Blickwinkel» an: Heidi Drahota, die kleine Filztaschen ausstellt, und Helen Mc Laren. Die hat hier Unterschlupf gefunden, weil sie zu den eigentlich geplanten Räumen keinen Schlüssel bekam. So sind ihre ernsten Gesichter, die trauern, nachdenken und gleichzeitig Hoffnung schöpfen, in der Theaterstraße zu sehen. Gegenüber präsentiert Walter Bauer seine Kuh-Bilder, die schon von weitem Interessierte anlocken. Gut gelaunt berichtet er, wie er bei einer Aktion im Metzgerei-Stil die Werke nach Gewicht verkaufte.

Spannendes Spektrum

Ein Kristallisationspunkt des Marathon-Spaziergangs ist die Freibank-Galerie am Waagplatz, in der gleich fünf Künstler ausstellen. Christa Winterle zeigt schwarz-weiße, zarte Stein-Drucke, Jeannette Niqué plakathafte Malerei, Gisela Luschner-Schiller ihre stimmungsvollen Aquarelle, Christian Scharvogel herrliche Blüten in Tusche-Aquarell- plus Tee-Technik und Jürgen Rakus fantasievolle Beton-Skulpturen.

Nebenan kann man über Gerd Bauers Cartoons schmunzeln und Christiane Richters Fotos auf sich wirken lassen. Sie hat verfallende Gebäude und Menschen in ihrem persönlichen Umfeld geschickt verfremdet abgelichtet. Im «Vertigo» schwelgt Pia Morgenthum in Farben. Türkis und Rot gehen explosive Mischungen ein, bei der «Absinth»-Reihe geht es richtig abstrakt zur Sache. Hier hat eine Künstlerin Gefühle in Form authentischer Psychogramme auf die Leinwand gebracht. 

Claudia Schuller und Volker Dittmar

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