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Fanprojekt holte Dokumentarfilm ins Fürther Babylon-Kino

Themenabend über Fußball im KZ - 09.02.2016 06:00 Uhr

Sie diskutierten im Babylon (von links): Der Fürther Historiker Siegfried Imholz, Übersetzer Peter Lefrank, die Filmemacher Mike Schwartz und Oded Breda, Moderator Ronny Blaschke und Daniel Burghardt.

Sie diskutierten im Babylon (von links): Der Fürther Historiker Siegfried Imholz, Übersetzer Peter Lefrank, die Filmemacher Mike Schwartz und Oded Breda, Moderator Ronny Blaschke und Daniel Burghardt. © Foto: Berny Meyer


Es war ein Foto aus Theresienstadt, auf dem Oded Breda seinen Onkel Pavel wiedererkannte: Mit blonden Haaren, selbstbewusstem Blick und weißem Hemd läuft er auf dem Schwarz-Weiß-Bild auf ein Fußballfeld. Der Stern auf seinem Trikot verrät, dass die Aufnahme zur Zeit des Nationalsozialismus gemacht wurde.

Breda ließ dieses Bild keine Ruhe, mit Ausnahme seines Vaters war fast seine gesamte Familie im Holocaust von den Deutschen ermordet worden. Der Israeli recherchierte und fand heraus, dass das Bild tatsächlich seinen Onkel zeigte, der im Konzentrationslager Theresienstadt in einer eigenen Liga Fußball spielte. Über diese und über seine Familiengeschichte drehte Oded Breda gemeinsam mit dem Filmemacher Mike Schwartz den Dokumentarfilm „Liga Terezin“, der jetzt im Babylon-Kino am Stadtpark gezeigt wurde.

In vielen Konzentrationslagern wurde Fußball gespielt, eine eigene Liga gab es zwischen 1942 und 1944 allerdings nur in Theresienstadt. Die Mannschaften waren nach den Arbeitsplätzen ihrer Spieler benannt, hießen Kleiderkammer, Metzger oder Jugendfürsorge. Andere Klubnamen waren Arsenal, Sparta Prag, Fortuna Köln oder Hollandia. Gespielt wurde nach Regeln, die die Gefangenen Theresienstadts selbst aufgestellt hatten: Sieben gegen sieben, zwei Halbzeiten à 35 Minuten, die meisten Partien fanden im Kasernenhof des Lagers statt, wo bis zu 3000 Menschen den Fußballern zusahen.

Für die Gefangenen in Theresienstadt bedeutete der Fußball Ablenkung von einem höllischen Alltag, die Nationalsozialisten wiederum nutzten die Spiele für ihre Propaganda. In dem Film „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“, der im August und September 1944 gedreht wurde und der die vermeintlich guten Lebensverhältnisse in dem Lager zeigen sollte, nehmen Aufnahmen eines Fußballspiels eine große Rolle ein. Eine größere, als der Sport in dem Lager wirklich spielte, vermutet Breda.

„Mindestens 50 Prozent der Menschen interessieren sich für Fußball“, sagt er. Deshalb könne man über den Fußball so viele Menschen erreichen – das sei auch den Nazis bewusst gewesen. Das Spiel, das Menschen auf der ganzen Welt lieben, täuschte im Film eine Normalität vor, die es in dem Lager nicht gab.

Julius Hirschs Kinder

Ein Viertel der Gefangenen Theresienstadts starb vor Ort aufgrund der entsetzlichen Bedingungen. Rund 90 000 wurden in Vernichtungslager wie Auschwitz oder Treblinka deportiert. Am 8. Mai 1945, dem Tag des Kriegsendes, wurde Theresienstadt von der Roten Armee befreit. Unter den Überlebenden waren auch die beiden Kinder von Julius Hirsch, der die Spielvereinigung Fürth 1914 zum Meistertitel geführt hatte und der selbst vermutlich in Auschwitz ermordet wurde.

Das Interesse der Menschen am Fußball wollen die Filmemacher und die Initiative „Nie wieder! Erinnerungstag im deutschen Fußball“ nutzen. Sie touren mit dem Dokumentarfilm durch ganz Deutschland, zeigen ihn in Schulen, Vereinen und bei vielen Fangruppen, bei denen sie mit ihrem Anliegen offene Türen einrennen, auch in Fürth. „Wir haben den Luxus, dass wir eine Fanszene haben, die für solche Themen sensibel und von sich aus aktiv ist“, sagt Christjan Böncker vom Fanprojekt, das die Veranstaltung zusammen mit den beiden Ultra-Gruppen Horidos 1000 und Stradevia 907 im Babylon-Kino organisiert hat.

Gerade viele Ultra-Gruppen in Deutschland haben aus ihrer anti-kommerziellen und anti-repressiven Grundhaltung heraus ein Verständnis von Fußball entwickelt, das den Sport nicht nur als Freizeitvergnügen, sondern in einem größeren sozialen Rahmen sieht.

In Fürth begleiten Fans schon seit Dezember 2014 Geflüchtete zu Heimspielen der Spielvereinigung. Fangruppen wie Stradevia sammeln Spenden für die Flüchtlingshilfe und organisieren Infoveranstaltungen, die sich mit Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft auseinandersetzen.

Beeindruckt von den Ultras

Die Begegnungen, die die beiden israelischen Filmemacher mit den Fußball-Fans in Deutschland hatten, haben sie so beeindruckt, dass sich ihr nächster Film um die Ultra-Szene in München und Dortmund drehen wird.

Auch der Dokumentarfilm selbst beschäftigt sich nicht nur mit der Zeit des Holocaust, sondern zieht eine Linie zu Antisemitismus und Rassismus in den Stadien heute. Zum Beispiel zu den Anfeindungen, denen jüdisch geprägte Klubs wie Ajax Amsterdam oder Tottenham Hotspurs durch gegnerische Fans ausgesetzt sind. Dass sich viele Anhänger dieser Vereine selbst als „Juden“ bezeichnen – etwa die „Yid Army“ in Tottenham – sieht Breda allerdings auch kritisch: „Das ruft noch mehr antisemitische Reaktionen im Publikum hervor.“

Ob Fußball eine neue Art sei, Krieg zu führen, fragt Breda den Sportjournalisten Simon Kuper, als es im Film um das Länderspiel zwischen Holland und der Türkei und den Fanatismus der türkischen Fans geht. „Sind Sie verrückt?“, antwortet der: „Im Zweiten Weltkrieg sind 50 Millionen Menschen gestorben, beim Spiel Türkei gegen Holland flogen ein paar Feuerwerkskörper. Fußball ist kein Krieg, es ist Karneval.“ 

Alexander Pfaehler

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