Mittwoch, 12.12.2018

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Fassaden mit Einsturzgefahr

"Lady Windermeres Fächer" bedroht den Dünkel der Aristokratie - 21.06.2018 09:57 Uhr

Elisabeth Nelhiebel – hier in Begleitung von Rüdiger Bach (li.) und Markus Krenek – mischt die noble Gesellschaft fulminant auf. © Foto: Sebastian Hoffmann


Im Rahmen der Bayerischen Theatertage zeigt das Theater an der Rott Wildes Komödie "Lady Windermeres Fächer" als typisches Kostüm- und Ausstattungsdrama, komplett mit hyperkorrektem Butler, einem Szenenbild, das einen Blick auf London freigibt, mit Abendkleidern und einem Teetisch, an dem unter den Bedingungen des Smalltalks der Zustand der Gesellschaft seziert wird.

Das ist unterhaltsam, kurzweilig und oft witzig, wenn im Minutentakt Wildes berühmte Bonmots fallen. "Ich kann allem widerstehen, nur der Versuchung nicht", erklärt Lord Darlington (Guido Frank), der hinter seinem dandyhaften Schnurrbart und bunten Jackett tiefsinnigen Humor und echte Gefühle für die schöne Lady Windermere (Carolin Waltsgott) verbirgt.

Langweilen kann man sich nicht in dieser Inszenierung, dazu sind die Schauspieler zu sehr bei der Sache, das Tempo zu rasch und die Ausstattung zu üppig. Ein wenig behäbig wirkt das Stück allerdings schon, Wildes Zynismus weniger scharf, die Tragik dahinter doch einen Hauch zu überzogen. Das hat sicher auch damit zu tun, dass Kulisse und Kostüme immer als solche erkennbar sind.

Kaum einer der Darsteller scheint sich so ganz echt und zuhause zu fühlen in diesem Setting der dekadenten, an erstarrten Formen ebenso festhaltenden wie leidenden Gesellschaft des Fin de Siècle. Die geschiedene und skandalumwitterte Mrs Erlynne (Elisabeth Nelhiebel) freilich passt ohnehin nicht in die Gesellschaft, an der sie wieder teilhaben will, und so lässt sich ihr Schwanken zwischen Vulgarität, echtem Gefühl und extremer Gestik durchaus als innere Zerrissenheit verstehen; als Charakter bleibt sie trotzdem eigentümlich schwer zu greifen. Rüdiger Bach ist in einer Doppelrolle als Lord Augustus Lorton und dessen Zwillingsschwester Herzogin von Berwick zu sehen in Szenen, die als Farce bewusst überzogen angelegt sind und als solche recht gut funktionieren. Und so gipfelt das Ganze zu Filmmusik aus "Oscar Wilde" in der dramatischen Szene in Lord Darlingtons Haus, wo Mrs Erlynne, die "schlechte Frau" und vermeintliche Geliebte Lord Windermeres, ihren Ruf opfert, um die gute und moralische, aber zwischenzeitlich unter Eifersucht und mangelnder Menschlichkeit leidende Lady Windermere vor dem Ruin zu retten und sie mit ihrem Ehemann wieder zu vereinen.  

SIGRUN ARENZ

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