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Fetzige Weihnacht in der Grünen Halle

Helmut Haberkamm im fränkisch-rockigen Rausch - 15.12.2014 10:00 Uhr

Doppelpass zwischen Dichter und Musikern: Immer im Wechsel sorgten Helmut Haberkamm (links) und die Skinny Winni Band auf der Bühne der Grünen Halle für Besinnlichkeit der etwas anderen Art. © Foto: Athina Tsimplostefanaki


„Alle Dooch kriagst an Schlooch“, stöhnt Winni Wittkopp ins Mikrophon und stößt aus dem Grammophontrichter hinterher. Selbst der dauerbrünstige „Hoochie Coochie Man“, den einst Willie Dixon besungen hat, gerät außer Puste. Wie das schon klingt: Hoochie Coochie. Für Helmut Haberkamm sind sinnfreie Sprüche aus dem Blues- und Rockabilly-Slang der 50er und 60er Jahre pure Poesie.

Weshalb er sie sogleich in einem Sturzbach aus Fränkisch-Englisch-Alkoholisch Revue passieren lässt: Good Golly Miss Molly, Tallahassee Lassie, Helter Skelter, Obladi Oblada, A wop bop a loobap awop bang boom. Und dann erst die Namen der großen Heroen: Uriah Heep, Jethro Tull. Oder die Übersetzung: Chicken Shack - Hühnerstall. Blue Oyster Cult - Blauer Austern Kult. „Da klingt Ochsenschwanz doch viel besser als Rosenstolz! Und Vanilla Fudge hieße Pappsüße Plombenzieher,“ postuliert Haberkamm.

Ja, und wo sind sie denn, die fränkischen Rock-Heroen? Na hier, in der Grünen Halle, leibhaftig oder im Geiste. Immer schön abwechselnd spielt die Skinny Winni Band vier fünf Songs, von Ray Charles über Bob Dylan bis Jacques Brel, dann rezitiert Haberkamm aus seinen Werken und erzählt zum Beispiel von Flummy, der sich zu Beginn der 70er Jahre in den obligaten Fussel-und-Fransen-Look warf, den Friseur boykottierte und krampfhaft Alvin Stardust kopierte (das war so eine Figur aus dem britischen Glam-Rock). Bis ihn eines Tages Hund Hasso in die Kehrseite biss und die glitzernde Coolness irreparablen Schaden erlitt.

Hältst du’s aus!

Oder vom Schlagzeuger, der zu „Surfin Bird“ von den Trashmen über den Tanzboden robbte, irgendwann nach Amerika entschwand und erst bei einer Beerdigung wieder auftauchte. Und was hatte ihn denn nun einst zum Schlagzeug gebracht? Die unsägliche Schnulze vom „Little Drummer Boy“, der dem Jesuskind im Stall was vorklopft. Hältst du’s aus!

Womit der Bogen zu Weihnachten geschlagen wäre. Überhaupt: Blues, Rock’n’Roll und Weihnachtsseligkeit wohnen im Herzen Tür an Tür. Denn wer singt den Blues ergreifender als die Mühseligen und Beladenen? Wer lässt seiner Freude unbändigsten Auslauf, wenn nicht ein Rocker? Und sind wir nicht alle im Grunde unseres Herzens sentimentale Nudeln?

Wenn Helmut Haberkamm den Songtext von „The long black Veil“ übersetzt, dann lauschen wir der Geschichte eines Mannes, der unschuldig 20 Jahre Zuchthaus in Kauf nimmt, bloß um die Freundin nicht bloßzustellen. Das klingt schon fast so grausig wie Haberkamms Abenteuer im Fürther Parkhaus. Reinkommen ist einfach, rauskommen unmöglich.

In Haberkamms Phantasie verschmelzen Weihnachten und Popkultur zu einem untrennbaren Ganzen. Da kommen John Lennon, Frank Zappa und Jimi Hendrix als die drei Weisen aus dem Morgenland angeritten. Und was rät Haberkamm, wenn du im Auto sitzt, vor dir eine Sau flitzt, neben dir ein Polizeiauto dackelt und hinter dir ein Hubschrauber im Tiefflug? „Dann nix wie runter vom Kinderkarussell und kein Tropfen Glühwein mehr!“ 

REINHARD KALB

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