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Film über Quelle-Model: Melanie im Märchenland

Ein Foto aus den 70er Jahren wurde zum Ausgangspunkt einer spannenden Suche - 08.05.2018 06:00 Uhr

Ausgangspunkt umfangreicher Recherchen war dieses Foto auf der Verpackung einer alten Privileg-Trockenhaube. © Foto: Quelle


Die Amsterdamer Filmemacherin Susanne Helmer hat die heute skurril anmutende Trockenhaube auf einem Flohmarkt im Sauerland entdeckt. Gebannt war sie aber vor allem von dem jungen Model auf der Verpackung, das dieses Teil lächelnd präsentierte. Sie wollte die Frau unbedingt finden. Das war der Impuls für eine spannende Spurensuche. In siebenjähriger Arbeit ist daraus ein außergewöhnlicher Film entstanden, der zwar dokumentieren will, aber mit seinem kreativen Potenzial doch mehr unterhält als belehrt.

Die Amsterdamer Filmemacherin Susanne Helmer bei der Nürnberger Premiere im Casablanca-Kino. © Foto: Dittmar


Melanie ist ein poetischer Versuch, die Möglichkeiten des Lebens aufzuzeigen. Ein Spiel mit Fantasie, Ironie und absurden Wendungen. Die Handlung erhält durch die nicht vorhersehbare Tatsache einen besonderen Reiz, dass die Wirklichkeit alle Vorstellungen über das Leben des Models in den Schatten stellt. Niemals drängt es sich im Film auf, dass hinter dem Spiel mit biografischen Möglichkeiten intensive Recherche steckt.

Auf der Grundlage des Quelle-Katalogs gelingt Susanne Helmer eine feinsinnige Studie des Lebensgefühls der 1970er Jahre. "Ich schaue mir gerne Bilder von Menschen an und male mir Geschichten über sie aus", erklärt die Filmemacherin ihre Beweggründe. Und so umkreisen im Film Fiktion und Wirklichkeit einander, berühren sich hin und wieder, bilden Schnittmengen um sich erneut abzustoßen.

Was die Arbeit der 40-Jährigen auszeichnet, ist neben purer Fabulierlust mit unverkennbar ironischer Perspektive die absolute Ehrlichkeit im Porträtieren der Protagonisten. Auf die Sprünge helfen ihr die Fürther Nachrichten. Nach einem Zeitungsaufruf melden sich ehemalige Quelle-Mitarbeiter, die zwar keine Auskunft über die Identität des Models geben können, aber Susanne Helmer doch auf die richtige Fährte bringen.

Ein ehemaliger Fotograf erinnert sich schließlich an die junge Frau mit der Trockenhaube: Melanie Purrucker. Ihre Eltern betrieben damals ein noch immer existierendes Modegeschäft am Nürnberger Josefsplatz.

Vorgezeichnete Karriere

Bei Porträtaufnahmen war ein Fotograf 1970 auf die 16-jährige Melanie aufmerksam geworden und hat ihr einen Auftrag als Model für Schuhreklame vermittelt. Von da an ist ihre Karriere vorgezeichnet. Von der in Nürnberg lebenden Familie erfährt Helmer, dass Melanie mit ihrem Ehemann bereits 1981 nach Australien ausgewandert ist. Beide hatten in jungen Jahren gut verdient und konnten sich auf dem fernen Kontinent, den sie nur von Erzählungen ihrer Freunde kannten, eine Existenz aufbauen.

Susanne Helmer macht sich also auf nach Australien und skizziert eine Woche lang, wie Melanie Kersten (inzwischen 63) und ihr Ehemann heute leben. Die Erträge ihrer Immobilien und der eigene Tennisclub ermöglichen ihnen ein luxuriöses Leben. Zwei Töchter und drei Enkel gehören zur Familie. Eine Tochter hat auch bereits Model-Erfahrungen, die andere Erfolg im Tennissport.

Die Trockenhaube aus den 70ern hat die Filmemacherin natürlich mit nach Australien genommen, und Melanie setzt sie sich tatsächlich noch einmal auf. "Das war schon komisch mit so einem Ding auf dem Kopf", erinnert sich Melanie Kersten an die 40 Jahre alten Katalogaufnahmen und fügt hinzu: "Aber ich hätte mich damals auch mit einer Untertasse fotografieren lassen, denn ich sagte mir, es wird ja bezahlt."

Der Film präsentiert – real und fiktiv – nicht nur fantastische Geschichten, er ist auch prall gefüllt mit Lokalkolorit. Weite Strecken sind in Fürth aufgenommen, wo Helmer ihr Model so gerne verortet hätte: Eine einfache Quelle-Mitarbeiterin aus Ronhof, die sich mit Katalogaufnahmen etwas dazuverdiente, schwebte der Filmemacherin vor. Doch die Realität lässt von dieser schönen Vorstellung nichts mehr übrig. Die wahre Karriere von Melanie erscheint dagegen geradezu märchenhaft – auch wenn Helmer die Schattenseiten des Lebens im Luxus keineswegs ausblendet.

Am 13. Mai wird Melanie um 17 Uhr wegen der großen Nachfrage noch einmal im Nürnberger Südstadtkino Casablanca gezeigt. Anschließend soll der Film auch im Fürther Babylon-Kino laufen. 

Volker Dittmar

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