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Fürth: Leichtathletiktraining statt Erdbebenforschung

Jörg Stäcker hat seine Akademikerkarriere geopfert und arbeitet beim LAC Quelle - 09.11.2017 06:00 Uhr

„Als Fischkopp hält man es in Bayern entweder nur eine Woche aus oder man bleibt für immer“, sagt Jörg Stäcker in der LAC-Halle. © Foto: Sebastian Zelada


Jörg Stäcker sitzt in seinem Büro am Finkenschlag und blickt abwechselnd auf seinen Laptop und durch ein großes Fenster in die Trainingshalle des LAC Quelle Fürth. Den geschulten Augen des "Teamleiters Lauf", wie der Bayerische Leichtathletik-Verband seine Funktion nennt, entgeht nichts.

Gerade trainieren aber keine Profis, sondern lediglich eine Schulklasse für den Unterricht. Dass er hier sitzt, ist alles andere als selbstverständlich. Denn als Stäcker nach dem Abitur sein Studium der Geophysik antrat, sah seine Karriereplanung noch ganz anders aus.

Bis zur Promotion hatte er sich dabei unter anderem der Erdbebenforschung verschrieben und nahm zunächst eine Stelle als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität in Hamburg an. Die körperliche Ertüchtigung spielte jedoch seit jeher eine große Rolle in Stäckers Leben: "Als Jugendlicher habe ich schon immer viel Sport gemacht. Sowohl Schwimmen, als auch Leichtathletik, beides mit Teilnahmen an Deutschen Meisterschaften."

Irgendwann fragten die Leichtathleten in Hamburg, ob Stäcker nicht als Trainer ins Vereinstraining einsteigen wolle – mit 16 Jahren. "Das habe ich wahrscheinlich nicht so schlecht gemacht, denn ich wurde bald darauf angesprochen, ob ich nicht Stützpunkttrainer für Mehrkampf und Lauf werden möchte."

In Hamburg stieg Stäcker dann schnell auf und arbeitete sich schließlich zum Referenten für Leistungssport hoch. Doch in der Hansestadt war das Geld für die Leichtathletik knapp, weshalb Stäcker bis zu diesem Zeitpunkt ehrenamtlich arbeitete. Die Aufgaben beinhalteten unter anderem Vorträge auf Tagungen, wo ihn im Jahr 2000, Stäcker war gerade 30 Jahre alt, schließlich der damalige bayerische Cheftrainer Jürgen Mallow, ein Mann von hohem Renommee in der deutschen Leichtathletik, fragte, ob er das Hobby nicht zum Beruf machen wolle.

"Damals habe ich natürlich überlegt, ob ich eine relativ gut laufende Uni-Karriere in der Geophysik zugunsten des ‚Risikos Sport‘ aufgeben soll. Bis dahin hatte ich nicht einmal darüber nachgedacht, mein Hobby zum Beruf zu machen", so Stäcker. Schließlich bewarb er sich auf die Stelle in Bayern und setzte sich tatsächlich durch.

So kam es, dass er seine Zelte in Hamburg abbrach und sich zunächst nach Regensburg aufmachte. "Es hieß immer, als Fischkopp hält man es in Bayern entweder nur eine Woche aus oder man bleibt für immer." Jetzt ist er seit fast 17 Jahren hier "und ich fühle mich pudelwohl, weil Bayern ein Herz für Leistungssport und die Leichtathletik hat. Hier konnte ich meinen Traum, hauptamtlich als Trainer zu arbeiten, tatsächlich verwirklichen".

Der Umzug von Regensburg nach Fürth folgte schließlich 2005. Seitdem ist der DLV-Stützpunkt in Fürth und damit auch der LAC der Dreh- und Angelpunkt seines sportlichen Trainerlebens. Sein Aufgabenbereich liegt als hauptamtlicher bayerischer Landestrainer bei den bayerischen Nachwuchskadern (U 16-U 23).

Dabei überwacht er alle leichtathletischen Laufdisziplinen, angefangen von 800 m, über 1500 m bis 5000 m und den Hindernislauf. Die Hoffnungen sind stets groß. Druck, den nächsten Superstar zu schmieden verspüre er jedoch nicht. "Wir schaffen es jedes Jahr, ein, zwei deutsche Meister hervorzubringen oder zumindest Medaillen zu gewinnen", zählt Stäcker entspannt auf.

Zudem pflegt er Verbindungen mit Sportlern und Organisationen aus aller Welt, wie beispielsweise dem südafrikanischen Verband. In diesem Sommer etwa absolvierte zum wiederholten Mal die 800-m-Weltmeisterin Caster Semenya ein Trainingslager in Fürth. "Die Verbindung kam zufällig über Renee Havenga zustande", erklärt Stäcker das Netzwerk. Die junge LAC-Sportlerin hat südafrikanische Wurzeln und wurde mit 15 Jahren deutsche Vizemeisterin über 3000 m. Ein großer Erfolg für den Standort Fürth. Damit das auch so weitergeht, fährt Stäcker neben dem regulären Training zwei- bis dreimal im Jahr mit seiner bayerischen Auswahl in diverse Trainingslager.

"Ostern geht es zwei Wochen nach Kroatien, über Weihnachten und Neujahr nach Portugal." Die Trainingsreisen dauern meist zehn bis 14 Tage, dazu kommen Wochenendlehrgänge in Oberhaching, Ingolstadt, Treuchtlingen und Fürth, mit Athleten und Assistenztrainern.

Magnet für starke Läufer

Stäcker trainiert darüber hinaus noch eine weitere Athletengruppe für den LAC Quelle Fürth. "Das hat sich so ergeben, weil ich vor Ort bin." Der LAC sei einer der wenigen Vereine in Bayern, der die Topathleten überhaupt ausreichend unterstützen kann. "Alle Wettkampfreisen kosten Geld, genauso die Trainingslager, Zuschüsse, Startgelder und so weiter. So hat es sich ergeben, dass alle Frauen und Mädchen in der Region, die bei mir trainieren, auch für den LAC Quelle Fürth starten."

Die meisten, wie Anne Kesselring oder Julia Hiller, studieren in Erlangen. Die seien früher für kleinere Vereine gestartet, aber die können einfach irgendwann den Weg nicht mehr mitgehen."

Wie lange Jörg Stäcker den BLV am Stützpunkt des LAC Quelle Fürth noch begleitet, steht nicht endgültig fest. Aus dem Bundesinnenministerium kam Ende 2016 der Gedanke, den Standort Fürth als Stützpunkt zu streichen (wie berichtet). Ein Unding, wie Stäcker findet. Eine Entscheidung, ob es so weit kommt, werde im nächsten Jahr fallen, schätzt man beim LAC. 

SEBASTIAN ZELADA

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