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Man sieht Fürth und Halberstadt die Gemeinsamkeiten nicht gleich an. Wäre der 8. April 1945 nicht gewesen, sagte Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung nach seinem Besuch im Dezember, wäre die am Rande des Harzes gelegene ehemalige Bischofsstadt heute wohl so wunderschön wie Rothenburg ob der Tauber oder das nahe Quedlinburg, das bereits zum Unesco-Weltkulturerbe gehört: Bis zur Bombardierung kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs konnte man auch in Halberstadt mittelalterliche Fachwerkhäuser bewundern.
Die Bomben zerstörten das historische Stadtzentrum fast vollständig: „Man sieht, dass einer Stadt durch einen Krieg extreme Wunden angetan werden können“, sagt Fürths Baureferent Joachim Krauße. Weitere Häuser verfielen in der DDR-Zeit, wurden abgerissen und durch wenig charmante Neubauten ersetzt.
Aber, so Krauße weiter, bei der geplanten Unesco-Bewerbung spiele das Stadtbild keine Rolle. Selbst bei den jüdischen Stiftungen, um die es geht, „kommt es nicht auf Schönheit an, sondern auf den kulturhistorischen Wert“. Und in dieser Hinsicht haben Fürth und Halberstadt im Doppelpack nach Ansicht eines Weltkulturerbe-Experten, des Cottbuser Professors Michael Schmidt, viel zu bieten – gerade weil sie unterschiedlich sind.
Schmidt, der vor zwei Jahren von der Kleeblattstadt um Rat gebeten wurde, hatte der ursprünglichen Idee, sich mit den historischen Innenstadt-Ensembles zu bewerben, geringe Erfolgsaussichten bescheinigt. Aber er sah Chancen für ein anderes Thema: „Jüdische Stiftungen als Beitrag zum modernen Sozialstaat.“
Schmidt machte Halberstadt als idealen Partner aus. Die Stadt, in der jüdische Stiftungen vor allem aus dem 17. und 18. Jahrhundert erhalten sind, könnte, so seine Überzeugung, Fürth wunderbar ergänzen. „Gemeinsam können wir verschiedene Epochen abdecken“, erklärt Jutta Dick, Direktorin der Moses Mendelssohn Akademie, die sich mit der Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Halberstadt beschäftigt.
Anders als in Fürth, wo jüdische Stiftungen wie das Nathanstift, das Berolzheimerianum, das Stadttheater oder die Krautheimerkrippe auffallen, die der gesamten Stadtbevölkerung zugutekamen, spiegeln die älteren Stiftungen in Halberstadt das Bemühen wohlhabender Juden wider, für die ärmeren Mitglieder in ihrer Gemeinde und für die Stärkung des religiösen Lebens zu sorgen. Die Gelder der Wohltäter flossen etwa in jüdische Friedhöfe, ein Gemeinderitualbad („Mikwenbad“), eine Synagoge, ein Rabbinerseminar.
Im Zusammenspiel mit Fürth werde die Bandbreite des jüdischen Stiftungswesens und eine gewisse Fortentwicklung sichtbar, sagt Fürths Baureferent Joachim Krauße: von Stiftungen, die „auf die Gemeinde zugeschnitten waren, um für die Armen zu sorgen und so auch negative Auswirkungen auf das Ansiedlungsrecht zu vermeiden“, hin zu Stiftungen, mit denen sich die Mäzene in die Bevölkerung einbringen wollten. Hinter diesen Einrichtungen, sagt Krauße, habe sicher auch der Wunsch gestanden, „sich anzupassen, keine Sonderrolle zu spielen“.
Spannend, sagt Dick, sei es, sich unter diesem Aspekt mit der jüdischen Tradition der beiden Städte zu beschäftigen — ganz gleich, ob das, was man zu bieten hat, am Ende für die Unesco ausreicht.
Dass Touristen, die der Titel Weltkulturerbe später vielleicht in die Kleeblattstadt locken würde, eine dreieinhalbstündige Fahrt auf sich nehmen müssten, um auch den dazugehörigen Teil in Halberstadt anzusehen, bereitet Rathauschef Thomas Jung keine Sorgen: Es gebe einen regelrechten Weltkulturerbe-Tourismus, bei dem Menschen von einer Stadt in die nächste reisen. Sie könnten dann von Fürth über Bamberg nach Quedlinburg und Halberstadt fahren.



