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Fürther besuchen Tschernobyl: Eindrücke aus einer Geisterstadt

Immer mehr Touristen wählen den Ort der Nuklearkatastrophe als Ausflugsziel - 11.10.2018 17:11 Uhr

Bei der Evakuierung wurde ein Großteil der Habseligkeiten zurückgelassen. Die Bewohner dachten damals, sie würden bald wieder zurückkehren. Dieses Kinderheim verfällt inzwischen seit über 30 Jahren.


"In insgesamt zwölf Stunden sehen Sie das Beste, was Tschernobyl und Prypjat zu bieten haben", verspricht ein Anbieter auf seiner Internetseite, der Trip werde gewiss "das Highlight Ihres Aufenthalts in Kiew" werden. Und Sicherheit garantiere man auch: Die Strahlendosis werde während des eintägigen Aufenthalts nicht höher sein als bei einem etwa vierstündigen Interkontinentalflug.

Tschernobyl als Ausflugsziel? Bis zum Januar dieses Jahres hätte Gerold Scholz (48) das für eher unmöglich gehalten. Wer im Netz danach sucht, findet zwar rasch Medienberichte über die Abenteurer und Selfiejäger, die es in die Untergangskulisse zieht – doch von allein war Scholz in den vergangenen Jahren weder auf die Berichte noch auf die Werbung der Touren-Anbieter gestoßen. Tschernobyl war für ihn Tschernobyl: der Ort der bislang größten Nuklearkatastrophe, todbringende Strahlenwüste seit jenem 26. April 1986, als der Reaktor 4 explodierte. Der Unfall sollte Tausende Menschen das Leben kosten.

Es war ein Gast aus der Ukraine – Scholz und seine Familie bieten seit Jahren über das Internetportal "Couchsurfing" Reisenden eine kostenlose Unterkunft an – , der Anfang des Jahres davon erzählte, dass die Sperrzone rund um den Unglücksreaktor inzwischen besichtigt werden kann. Tatsächlich sahen sich hier schon 2008 ein paar Tausend Touristen um, 2015 waren nach Angaben des Spiegel schon mehr als 16.000 Menschen aus 84 Ländern dort, inzwischen sollen es mehr als 50.000 im Jahr sein.

Schutzkleidung tragen die Touristen nicht, aber es gibt einige Regen: Da Radioaktivität am Körper oder an der Kleidung kleben bleiben würde, dürfen sie nichts anfassen, nichts vom Boden aufheben, nicht außerhalb des Fahrzeugs essen. Sie müssen auf den Wegen bleiben, sonst könnte kontaminiertes Material an ihren Schuhen hängenbleiben. Mehrfach werden sie auf die Strahlung untersucht. Besonders stark verstrahlte Gegenden werden nicht besucht.

Ob der einige Stunden dauernde Aufenthalt gefährlich ist, darüber gehen die Meinungen auseinander. Etwa 4000 Menschen arbeiten heute rund um Tschernobyl, unter anderem, um Verkehrswege und Strom für den Fall eines weiteren Notfalls zu erhalten. Sie werden in Zwei-Wochen-Schichten eingesetzt, um Gesundheitsschäden zu vermeiden.

2016 berichtete etwa eine Reporterin der FAZ nach einer Tagestour davon, dass das Dosimeter am Ende eine Strahlendosis von 0,002 Sievert (2 Millisievert) anzeigte, was einem Langstreckenflug oder einmal Röntgen beim Zahnarzt entspreche. 2011, als die Ukraine Tschernobyl endgültig für den Tourismus öffnete, sprach sich auch Helen Clark, die damalige Leiterin des UN-Entwicklungsprogramms dafür aus. Das Geld werde der Region helfen, und die Besucher könnten für das wichtige Thema Atomsicherheit sensibilisiert werden.

"Man hat das Trauma noch im Kopf"

Scholz fand die Idee, sich diesen Ort einmal mit eigenen Augen anzuschauen, faszinierend. Tschernobyl habe damals, vor 32 Jahren, alle bestürzt, "alle gepackt". "Das ist so ein Trauma, das man noch im Kopf hat", sagt er. Ein Unglück, dessen Folgen bis in die Gegenwart reichen. "Und plötzlich hört man, dass man sich das anschauen kann." Wären die Touristentouren gefährlich, dachte sich Scholz, hätte es doch schon längst einen Skandal gegeben.

Aus den ersten Überlegungen wurde ein fester Plan, und in den Sommerferien machte sich Scholz mit seiner Frau und seiner Tochter auf den Weg nach Kiew. Von dort fuhren sie als Teil einer etwa zwölfköpfigen Touristengruppe für einen Tag zum 130 Kilometer entfernten Kernkraftwerk.

Ein kleiner Bus brachte sie in die Sperrzone. Wer wollte, bekam einen Geigerzähler, mit dem er die jeweils vorherrschende Strahlung messen konnte. Für ihn sei das weniger interessant gewesen, erzählt Gerold Scholz. Er hielt stattdessen seine Kamera in den Händen. Ebenso wie seine Tochter findet er Fotografien von "Lost Places" spannend, von Orten, die verlassen wirken.

In Prypjat gibt es jede Menge davon. In der Stadt, die etwa vier Kilometer vom Kernkraftwerk entfernt liegt, wohnten zum Zeitpunkt des Unglücks fast 50.000 Menschen, darunter etwa 15.500 Kinder. Viele der Einwohner arbeiteten im Kernkraftwerk, Prypjat war damals eine relativ reiche Stadt.

Das Riesenrad sollte nie seine Runden drehen

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Es sind Szenen wie aus einem Horrorfilm: Die einst blühende Stadt Prypjat gleicht heute einer Geisterstadt. Sie wurde evakuiert, nachdem es im benachbarten Kernkraftwerk Tschernobyl zu einer nuklearen Katastrophe gekommen war. Noch heute ist das Gebiet eine Sperrzone - allerdings sind Teile davon inzwischen für den Tourismus geöffnet. Ein Fürther hat sich mit der Kamera dorthin gewagt.


Am 1. Mai 1986 sollte hier ein Vergnügungspark mit Riesenrad und Autoscootern eröffnet werden – dazu kam es nie. Auch wenn man vermuten darf, dass manches besonders spektakuläre Fotomotiv für Touristen inszeniert wurde: Den hektischen Aufbruch der Menschen kann man bis heute sehen. Etwa in dem Kinderheim, in dem Betten und Puppen zurückblieben. In den Häusern, in denen sich die Tapeten wegen der Feuchtigkeit von den Wänden schälen. Fenster sind längst zerbrochen, vieles haben Plünderer mitgenommen. Prypjat ist zur Geisterstadt geworden, mit einem Riesenrad und Autoscootern, die vom Rost durchfressen sind.

Ganz still war es vielerorts, erzählt Scholz, und interessant zu sehen, wie sich die Natur die Gegend zurückerobert. Bäume und Sträucher wuchern zwischen den Häuserblöcken. "Als wenn Gras über die Sache wachsen würde."

Die Bewohner von Prypjat wurden spät evakuiert, so waren viele einer hohen Strahlung ausgesetzt und litten an Spätfolgen. Erst 36 Stunden nach dem Reaktorunfall begann der Transport. Den Bürgern wurde gesagt, sie sollten sich auf eine dreitägige Abwesenheit einstellen. 1200 Busse brachten die Menschen weg, nach zweieinhalb Stunden war die Stadt geräumt.

"Es sieht aus wie in einem dieser amerikanischen Katastrophenfilme, in denen man nach Jahrzehnten in eine Gegend kommt, in der keiner übriggeblieben ist", sagt Gerold Scholz. Auch den Sarkophag, der heute den havarierten Reaktor umgibt, hat er aus der Nähe gesehen. Tschernobyl, das sei ein düsterer Ort.

  

Claudia Ziob E-Mail

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