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Geborgenheit Fehlanzeige

Ernüchternder Brückenschlag und Ausbruchsversuche - 19.06.2018 12:00 Uhr

Im Hof des Kulturforums thematisierten Schauspieler aus München und Damaskus das Schicksal der Unbehaustheit in einer Welt der Fluchtbewegungen. In der großen Halle hatten Mädchen zuvor in einer Uraufführung ihren Vorstellungen von Freiraum tänzerisch Ausdruck verliehen. © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Im Hof des Kulturforums thematisierten Schauspieler aus München und Damaskus das Schicksal der Unbehaustheit in einer Welt der Fluchtbewegungen. In der großen Halle hatten Mädchen zuvor in einer Uraufführung ihren Vorstellungen von Freiraum tänzerisch Ausdruck verliehen. © Fotos: Hans-Joachim Winckler


Freiräume braucht jeder und jede. Momente, um ganz bei sich zu sein. Susanne Schemschies und Christina Güllich vom Jungen Gärtnerplatztheater haben dieses Motto gewählt für ein Projekt, das ursprünglich jungen Frauen mit Migrationshintergrund Möglichkeiten eröffnen soll, sich künstlerisch auszudrücken, Möglichkeiten, die ihnen in ihren Heimatländern, oft aber auch in ihrer neuen Heimat Deutschland verwehrt sind.

Die Werkschau, die am Sonntag im Kulturforum gezeigt wurde, hat ihren Schwerpunkt aus organisatorischen Gründen ein wenig anders gelegt und sechs Mädchen im Alter von 12 und 13 Jahren ihre Freiräume darstellerisch, mit Musik und Tanz, ausloten zu lassen. "Du musst", heißt es da etwa, "aufräumen, auf deine Schwester aufpassen, für die Eltern übersetzen." Dieses "Du musst" haben die Mädchen in einer Tanzperformance sichtbar gemacht, in der sie Teller waschen, abtrocknen und in einer schier endlosen Kette weitergeben.

In nur einer Woche Probenzeit haben die Darstellerinnen bereits Techniken entwickelt für körperliche Präsenz auf der Bühne, für die Darstellung des Ungesagten und für den Witz, der entsteht, wenn nicht-Zusammenpassendes oder Unerwartetes aufeinandertrifft. Zuletzt gehen alle sechs Darstellerinnen durch eine Tür in ihren Freiraum.

Die Tür ist groß, klein, schwarz, alt, modern, einmal sogar klein und rosa, so dass das Mädchen sich bücken muss, um hindurchzutreten. Bandaufnahmen beschreiben ihren "Wunschraum", der mit allen Sinnen erfahren wird. "Das Licht ist hell wie im Büro von Frau Stüber", lässt eine wissen, "Blumengeruch" erschnuppert eine andere, und sie streicheln Füchse und Wölfe, die sich in ihrem erdachten Raum aufhalten, ihrem Freiraum, wo sie ganz bei sich sind.

München - Damaskus

 

Theater braucht keine festen Häuser. Da reicht auch eine Wanderbühne im Thespiskarren. Das Open Border Ensemble, eine mobile Truppe der Münchner Kammerspiele mit deutschen und syrischen Schauspielern, stellt seinen Anhängerwagen, dessen Wände sich nach allen Seiten hoch- und zuklappen lassen, auf, wo es ihm gefällt. Zum Beispiel im Innenhof des Kulturforums.

So ein Karren macht Sinn, denn das Stück selbst hat die Unbehaustheit zum Thema: "Miunikh – Damaskus" pendelt zwischen der syrischen Hauptstadt und der bajuwarischen Metropole hin und her. Nun befinden sich die fünf Passagiere weniger physisch als vielmehr seelisch im Transit. Der Körper befindet sich im Hier und Jetzt, die Seele in der Vergangenheit und im eigentlichen Zuhause. Nur, dass das Zuhause seine Wohnlichkeit, ja seine Bewohnbarkeit eingebüßt hat.

Wer doch dableibt, passt sich an die lebensgefährlichen Umstände an. Dermaßen, dass ein Besucher sich kaum einzufügen vermag. Die Schauspieler demonstrieren dies an einem aus Actionfilmen bekannten Klischee: Ein Bus fährt durch Damaskus, in der Nähe schlägt eine Granate ein. Die deutsche Passagierin schreit entsetzt auf. "Falsch", bedeutet ihr der einheimische Syrer. "Wenn es kracht, schreit niemand. Man atmet bloß tief ein."

Und München? In der Traumstadt der Reichen, Schönen und Biertrinker leben offiziell 17 Prozent ihrer Einwohner unterhalb der Armutsgrenze. Wer sich als Orientale in der Stadt bewegt, steht in den Augen ihrer Bewohner unter Generalverdacht. Damit ergibt sich eine Parallele zu Damaskus: Auch dort könne man sich frei bewegen, berichtet ein Schauspieler, dennoch fühle man sich wie im Gefängnis. Als Ziel bleibt nur ein imaginärer Fluchtraum übrig, ein Rückzugsort für die Seele.

Auf Deutsch, Englisch und Arabisch würfeln die fünf Passagiere ihre tragikomischen Erlebnisse, Beobachtungen und Wünsche bunt durcheinander, für die Verständlichkeit sorgt die Simultanübersetzung im Dialog und bei arabischen Klagegesängen und Monologen eine Papierrolle mit deutschem Text.

P2009 hat Kathrin Mädler, damals Dramaturgin am Staatstheater Nürnberg, mit Peter Weiss’ "Die Ermittlung" eine bemerkenswerte Inszenierung in der Bauruine der Kongresshalle abgeliefert. Nun kehrt sie als Intendantin des Landestheaters Schwaben wieder in die Region zurück und hat erneut ein Dokumentarstück für die Bayerischen Theatertage im Gepäck.

"Nebel im August (Der Fall Ernst Lossa vor Gericht)" erlebte im März seine überregional gelobte Uraufführung in Memmingen. Die Geschichte beruht auf der gleichnamigen Romanbiografie von Robert Domes, der das Schicksal des jungen Ernst Lossa, der 1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren die Todesspritze verabreicht bekam, recherchierte. Fünf Jahre später stehen der ehemalige Anstaltsleiter Dr. Falthauser, die Krankenschwester Pauline Kneißler und zwei Pfleger in Augsburg wegen Mordes in zirka 200 Fällen vor Gericht.

John von Düffel entwickelte vor allem aus den Prozessakten eine Bühnenfassung, die im ersten Teil das Verhalten der Angeklagten in diesem Euthanasie-Prozess thematisiert. Im zweiten Teil richtet sich der Fokus auf das Einzelbeispiel Ernst Lossa, der von Gutachtern als "asozialer Psychopath und notorischer Kleptomane" eingestuft und schließlich mit einer Giftspritze aus dem Weg geräumt wurde.

Kathrin Mädler versammelt in einem aseptisch weiß gehaltenen Bühnenraum, der wie ein Versuchslabor oder ein Wartezimmer wirkt, sechs Schauspieler in oliv-grauen Overalls und mit weiß gekalkten Gesichtern, die in wechselnden Rollen die dokumentarischen Texte sprechen. So entsteht eine spannungsreiche Choreografie der Sprache, des Lichts und der Bewegung. Kontraste und Brechungen werden zum einen durch einen kleinen Jungen erzeugt, der die Wände mit farbigen Wachskreiden bemalt, zum anderen intoniert das Ensemble zweimal das geistliche Lied von Paul Gerhardt: "Geh aus, mein Herz, und suche Freud".

Im Mittelpunkt aber steht die rückblickende Auseinandersetzung mit der Schuldfrage, die auch 70 Jahre später nicht als abgeschlossen (oder als "Vogelschiss") erklärt werden darf. Die Aufführung beweist, dass Dokumentartheater mehr sein kann als eine trockene Geschichtsstunde. Umso bedauerlicher, dass sich zu diesem Gastspiel gerade mal 40 Zuschauer im Fürther Theater verloren. 

SIGRUN ARENZ REINHARD KALB WOLFGANG REITZAMMER

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