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Da spielen 20 Streicher ohne Dirigent auf, als wäre es Hausmusik. Mit einer unverfälschten Musikantik, die eigentlich gar nicht mehr in diese Zeit passt. Und der Solist tut es ihnen auch noch gleich. Bläst ohne Starallüren, ohne eine Miene zu verziehen, die schwierigsten Passagen hinauf und hinunter.
Als Nachfolger von Maurice André ist der 35-jährige Ungar gar schon gehandelt worden. Doch dem berühmten Selbstdarsteller kann er noch lange nicht das Wasser reichen. Und das ist auch gut so. Denn spieltechnisch bläst er Pustefix André allemal vom Sockel. Nur macht Boldoczki überhaupt kein Aufhebens darum. Was das Konzert am Donnerstagabend in Fürth gezeigt hat: Große Musik kann auch ohne viel Brimborium entstehen.
Boldoczkis Markenzeichen ist ein ungemein weicher Anstoß. So geschmeidig können nur ganz wenige Bläser in Randlagen mit Hoch-B- Trompeten spielen. Doch hinter dieser Sanftheit verbirgt sich gnadenlose Härte. Der Luftstrom muss permanent maximale Stütze haben, um solche Rundungen zaubern zu können. Wirklich nichts überlässt der Trompeter dem Zufall. Das zeigt sich in den allesamt in D-Dur gehaltenen Bravourstücken von Händel (Suite HWV 341), Telemann (Konzertsonate TWV 44:1) und Torelli (Concerto „Estienne Roger“) an den Phrasierungen, die — gestoßen und gebunden — organisch profiliert werden.
Das wirkt ganz natürlich, ist aber Ausdruck überlegener Meisterschaft, die sich selbst genügt. Alles fließt, nichts wirkt kapriziös oder affektiert. Seine Virtuosität verbirgt der Ungar in der Ausgewogenheit des Ebenmaßes der Melodielinien. Es ist Understatement in Reinkultur.
Da wird nichts zum Selbstzweck ausgereizt und überstrapaziert. Der Solist setzt im Programm lediglich wohldosierte Glanzpunkte. Den Rest füllen die Streicher mit ebenso zurückhaltender Spielkultur. Das sehr homogene Ensemble braucht keinen Steuermann, weil es sich auf intuitives Verständnis verlassen kann. Das Ergebnis ist sogar noch besser als das eines theatralischen Dirigats.
Die Ausgewogenheit der sechs ersten und vier zweiten Geigen, der vier Bratschen, drei Celli und zwei Kontrabässen ist das Fundament, auf dem ein feinnerviges Spiel aufbaut. Konzertmeister Jakub Fiser genügen wenige Impulse, um das wendige Ensemble auf Kurs zu halten.
Mit anmutiger Leichtigkeit gelingt schon eingangs die Serenade (Untertitel: „Kassation“) Nr. 2 H216 des vor den Nazis nach Amerika emigrierten Tschechen Bohuslaw Marinu (1890– 1959). Tanzende Ausgelassenheit der Ecksätze kontrastiert dabei einem verträumten Mittelteil. Nach der Pause markiert eine weitere Serenade den Schwerpunkt des Abends. In Antonin Dvoraks Streicherserenade E-Dur kann das Ensemble seine Meisterschaft unter Beweis stellen. Rhythmische Raffinessen werden ebenso souverän ausgekostet wie das Wandern der Melodielinien durch die einzelnen Stimmgruppen. Alles wirkt aus einem Guss, beseelt und dabei schwerelos.
Böhmische Musiktradition ist bei diesem 1994 gegründeten Ensemble in besten Händen. Dem Fürther Publikum verschafft es eine Sternstunde ohne Starkult und Show. Die mit dem Flügelhorn zugegebene Air auf der G-Saite aus Bachs Orchestersuite Nr. 3 (ebenfalls D-Dur) schmeichelt den strapazierten Lippen des Solisten ebenso wie den Ohren der unüberhörbar begeisterten Zuhörer.



