18°

Montag, 20.08.2018

|

Gentrifizierung: Ist in Fürth noch Platz für Künstler?

Ulrike Irrgang und Reinhard Schlüter haben sich auf eine Spurensuche gemacht - 09.08.2018 17:45 Uhr

Das Atelierhaus in der Friedrichstraße 17 hat einen festen Platz in der Fürther Kunstszene. © Fotos: Hans Winckler


Es ist ein Rückblick mit vielen Punkten. Auf einem großen Stadtplan markieren verschiedenfarbige runde Aufkleber, wo sich etwas getan hat. Da gibt es Atelierräume, in denen bis heute gearbeitet wird, aber auch solche, die allenfalls noch in der Erinnerung an vergangene Kunsttage leben. Hjalmar Leander Weiß greift bei seinem Besuch im Bogenhof zu den schwarzen Markern: "Hier und da", er beklebt zwei weitere Innenstadt-Adressen, "gab es auch Werkräume, die schon lange verschwunden sind."

Bilderstrecke zum Thema

Nischen für Kreativität: Fürther Künstler warnen vor Gentrifizierung

Wie sieht die Zukunft für Kunst in der Fürther Innenstadt aus? Haben Künstler noch einen Platz? Für eine Ausstellung, die noch bis 12. August im Bogenhof zu sehen ist, haben Ulrike Irrgang und Reinhard Schlüter Kunstschaffende und Verantwortliche der Stadt befragt. Hier sind ihre Antworten.


Nicht nur das weitreichende Gedächtnis des Fürther Künstlers half den Plan zu bestücken. Grundlage waren unter anderem auch die "Gastspiel"-Flyer des Kulturrings C, den Weiß zwölf Jahre lang leitete. Die Unterlagen zu den jährlich angesetzten Ateliertagen in Fürth, die er einführte, erlaubten jetzt, Ateliers zu lokalisieren, die es nicht mehr gibt, beziehungsweise Veränderung und Umzüge deutlich zu machen.

Für Ulrike Irrgang, Diplom-Designerin und Gründerin der Schule der Phantasie in Fürth, die den Bogenhof als "Kunst-Kultur-Oase" aufgebaut hat, gab das große Höfefest im Juli den Anstoß, sich intensiv mit Geschichte und Situation der Fürther Kunstszene zu beschäftigen. Ihre Fotodokumentation ("Der Wandel der Fürth Innenstadt – Raum für Kunst"), die unterstützt durch die Stadt im Rahmen des Jubiläumsprogramm "200 Jahre eigenständig" realisiert werden konnte, fragt nicht zuletzt nach dem Verbleib der "Subkultur", die vor Jahren "vergessene Innenstadtbrachen" besiedelte.

Im Fokus steht auch der Blick darauf, ob es den Künstlern möglich war, "ihre Räume als kreative Okkupanten wider Stadtplaner und Sanierer zu verteidigen". Zwanzig Frauen und Männer nehmen als Kunstschaffende, Planer oder Politiker jeweils in einem Fragebogen zu diesem umfassenden Themenkreis Stellung. Ulrike Irrgang selbst ist sich zum Beispiel nicht sicher, ob sich "der Kulturring C mit seinen ,Gastspiel‘-Ateliertagen nicht indirekt ins eigene Fleisch geschnitten hat". Denn: "Indem Besucher dem ,Lockstoff‘ folgten und in die Fürther Höfe kamen, in denen viele der Ateliers zu finden sind, wurde so manchem vielleicht die Schönheit dieser Orte erst richtig bewusst."

"Wenn alles 'tot' renoviert ist, passiert eben nichts mehr"

Lutz Krutein, der im CLINC-Kunst-Centrum in der Kaiserstraße arbeitet, sieht in den Künstlern tatsächlich auch "so eine Art Pionierpflanzen". Für ihn ist die damit erzeugte Aufmerksamkeit eine zweischneidige Sache, weil einerseits Käufer für die Kunst angezogen werden. Damit einher gehen andererseits freilich steigende Preise für Werkräume.

Seine Bilanz in der Dokumentation: "Von den Arbeitsbedingungen her ist die Situation für die Künstler schlechter geworden." Auch die Künstlerin Barbara Engelhard beschreibt den Wandel: "Das sieht man auch an den Fürther Ateliertagen. Früher konnte alles zu Fuß erreicht werden. Mittlerweile liegen die Ateliers nicht mehr im Zentrum, sondern am Rand. Und wenn alles so ,tot‘ renoviert ist, dann passiert eben auch nichts mehr."

Hans Peter Miksch, Leiter der kunst galerie fürth, spielt in der Dokumentation den Ball an die Politik weiter: "Es fehlt zuallererst an Strukturen, die es Künstlern erleichtern, hier ein Atelier zu unterhalten, und dazu gehören Atelierhäuser. Die müssen ja nicht immer gleich über 50 Räume verfügen. Die Strukturen zu schaffen, wäre Aufgabe der Politik."

OB: "Wir haben da Nachholbedarf"

Oberbürgermeister Thomas Jung macht in seinem Statement klar, dass es in Fürth "an einigen Stellen noch möglich sein dürfte", dass "bestehende Standorte kulturell" weiterentwickelt werden. "Jetzt ist die Frage, wie wir zusätzlich auflegen: wir haben da in der Tat Nachholbedarf." Unter anderem, so der OB, laufe nun zum Beispiel eine Prüfung für die kulturelle Nutzung der bald freiwerdenden historischen Feuerwache an.

Auch die Badstraße 8 konnte als Kulturort bewahrt werden. © Hans-Joachim Winckler


Ein durchaus hoffnungsvolles Fazit aus den verschiedenen Interviews zieht der mitwirkende Autor und freischaffende Künstler Reinhard Schlüter: "Wo im Grunde so bescheiden alle dasselbe wollen, sollte eine deutliche strukturelle Verbesserung der Situation für Kunst und Künstler in Fürth problemlos zu schaffen sein."

Die Dokumentation ist bis 12. August im Bogenhof, Bogenstraße 7, in Fürth zu sehen.

Bilderstrecke zum Thema

Das Höfefest 2018: Intime Einblicke in Fürths grüne Oasen

Mit 51 Höfen und über 600 Mitwirkenden setzt das diesjährige Höfefest neue Maßstäbe. Das bei den Fürthern sehr beliebte Fest bietet Einblick in grüne Oasen der Stadt, die sonst eigentlich nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind.


 

Sabine Rempe

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Fürth