Dienstag, 13.11.2018

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Gewitzter Überlebenskampf

"Bezahlt wird nicht": Döringsche Theaterwerkstatt huldigt Dario Fo - 09.07.2018 19:00 Uhr

Nach ihrem Beutezug im Supermarkt machen sich die beiden Frauen mit dem ergatterten Sortiment vertraut, das nicht nur Genuss pur verspricht. © Foto: Marcus Weier


"Erst kommt das Fressen und dann die Moral", wusste schon Bertolt Brecht. Was aber, wenn die Moral dem Fressen im Wege steht? Ist die Moral unabdingbar, um einen Rückfall in die Raubtierexistenz zu vermeiden? Oder ist Moral nur ein Luxus, den man sich ab einer bestimmten Einkommenshöhe leisten darf?

Antonia und Margarita, zwei patente Hausfrauen, sind zur rechten Zeit am rechten Ort. Der Supermarkt erhöht die Preise, das Volk macht einen Aufstand, Schwupp, wird geplündert, was die Schürze nur fassen kann.

Danach stehen nun die Frauen daheim mit Kartons und Tragetaschen und fragen sich, was sie unter anderem mit Katzenfutter, Vogelhirse und eisgekühlten Kaninchenköpfen anfangen sollen. Na ja, für eine Suppe reicht’s bestimmt.

Doch das eigentliche Problem ist Antonias Mann Giovanni. Der ist viel zu ehrlich und dürfte Antonia zur Herausgabe der Ware zwingen, sie gar anzeigen. Also schnell unters Bett damit. Doch o weh, da naht schon Giovanni, darum stopft Margarita sich den Rest der Beute schnell unters Hemd. So also wird man in sensationeller Rekordzeit hochschwanger.

Was nun folgt, gehorcht den Gesetzen der Verwechslungskomödie. Margaritas Gatte Luigi staunt Bauklötze ob des unverhofften Nachwuchses, die Polizei rückt an, die Damen flüchten "zur Entbindung" ins Spital. Die Männer klauben derweil von einem verunglückten Lebensmittellaster Proviant und wundern sich, warum auf einmal jede Frau mit einem dicken Bauch herumläuft, ein Carabiniere fällt scheintot um, und Särge bergen nicht nur Leichen . . .

Ja, da gibt es viel zu lachen. Was man darüber vergisst: Dario Fo schrieb seine Farce "Bezahlt wird nicht" in den frühen siebziger Jahren, als es in Italien noch handfeste Krawalle um Lebensmittel gab, und ganzen Stadtteilen Strom und Gas gesperrt wurde. Da musste sogar eine Dose Hundefutter über den Tag helfen.

Hier, im Kontext des deutschen Wohlstandslebens mit Luxusproblemen, mutet Fos Farce wie wohlfeile Konsumkritik an. Weshalb im Schlussbild noch mal an den Kampf der Mühseligen und Beladenen mit allem proletarischen Pathos erinnert wird. Aber auch aus dieser Perspektive entfaltet "Bezahlt wird nicht" ein kurzweiliges, überaus bissiges Vergnügen.

Alex Werner als braver Giovanni steht fassungslos vor den Verhältnissen, Martha Unterhofer gibt eine patente Antonia, die alle anderen Figuren am Rande des Nervenzusammenbruchs zu steuern sucht, und Magnus Gertkemper darf gleich in vier Nebenrollen (sogar als Pfarrer) brillieren. Da zahlen wir doch gerne! 

Reinhard Kalb

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