Sonntag, 18.11.2018

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Große Pläne: Bekommt Stein ein autofreies Wohnquartier?

Carsharing statt Stellplätze: Vision fürs Krügel-Areal gefällt nicht allen - 04.08.2018 06:00 Uhr

Ein Carsharing-Fahrzeug ersetzt zehn private Pkw, sagen Experten. Für Stein könnte es so ein Angebot kombiniert mit Leihrädern im künftigen Wohnquartier auf dem Krügel-Areal geben. © Foto: Michael Matejka


Die wbg hat das Konzept des Wohnens mit möglichst wenigen Autos schon in Nürnberg realisiert. Im Stadtteil Johannis, im Südosten Langwassers und am Nordostbahnhof wurden Quartiere so konzipiert, dass auf den üblichen Stellplatzschlüssel verzichtet werden kann. Kooperationspartner für Carsharing und Leihfahrräder sowie ein besonderes Angebot des VGN für die Bewohner erleichtern es, ohne Auto mobil zu sein.

Ein Grund für Stefanie Krügel, die Nachfahrin der Möbel-Dynastie, sich die wbg an ihre Seite zu holen. Ihr schwebt vor, auf dem Krügel-Areal ein Quartier mit einem modernen Mobilitätskonzept zu schaffen. So ein Komplex, der – beispielsweise durch Carsharing-Angebote – den Verzicht aufs Auto erleichtert, könnte zudem günstigere Mieten bedeuten: wenn weniger in Stellplätze investiert werden muss. Denn je mehr Tiefgaragen nötig sind, je mehr Fläche für Parkplätze versiegelt wird, desto teurer wird das Bauen.

Der Weg zum anvisierten Quartier führt also über die Stellplatz-Frage. Grundstückseigentümerin Krügel sagt ganz klar: "Wenn ich nicht vom Stellplatzschlüssel abweichen kann, rechnet sich der Mietwohnungsbau für mich nicht. Dann sind nur Eigentumswohnungen möglich."

Gemäß der Steiner Satzung müssten auf dem Areal bei zirka 250 Wohnungen rund 460 Plätze entstehen. Für Plätze, die nicht auf dem Gelände realisiert werden können, wird eine Ablösesumme fällig. Stefanie Krügel möchte hingegen mit einem Stellplatz pro Wohneinheit auskommen.

Da jedoch kein Mieter oder Immobilienkäufer gezwungen werden kann, auf seinen Wagen zu verzichten, sollen den Bewohnern Alternativen zum eigenen Pkw angeboten werden. Wie das gehen kann, sollte ein Mobilitätsgutachten zeigen, das nun im Stadtrat diskutiert wurde.

Den Auftrag hatte die Stadt an das Ingenieurbüro SHP aus Hannover erteilt, zahlen musste die Investorin. Jörn Janssen war eigens aus Niedersachsen angereist, um den Stadträten zu erklären, was in Stein möglich ist. Zur Überraschung aller ging er sogar davon aus, dass man mit 0,8 Stellplätzen pro Wohneinheit auskommen könne. Samt Plätzen für Besucher hielt er somit nur 235 für nötig – fast die Hälfte der regulär geforderten Parkmöglichkeiten.

"Ich bin über die Zahl 0,8 erschrocken"

Mehr Grün und eine bessere Wohnqualität, meinte Janssen, seien die Folge. Erreicht werde das durch ein vielfältiges Angebot: eine großzügige Anzahl an Radabstellplätzen samt Ladestationen für E-Bikes, Lastenräder und Mobicards zum Ausleihen, ein gutes Wegenetz innerhalb des Viertels und Carsharing. Als zentralen Punkt sah er eine sogenannte Mobilitätsstation, in der ein Ansprechpartner die Bewohner informiert und berät.

Der Vortrag stieß bei den Stadträten auf gehörige Skepsis. "Ich bin über die Zahl 0,8 erschrocken", sagte Bertram Höfer (CSU) und war damit nicht allein. Höfer nannte die niedrige Zahl "sportlich, wenn nicht naiv und für diesen Bereich völlig indiskutabel". "Nicht überzeugend", war der Tenor im Stadtrat.

Wer kümmert sich um die Mobilitätsstation?

Drei Knackpunkte machten die Stadträte aus: mehr Parkdruck in den umliegenden Straßen, keine Möglichkeit nachzurüsten, wenn es doch mehr Autos gibt, und schließlich die Frage: Wer soll sich um die Mobilitätszentrale kümmern? Janssen mühte sich redlich, zu antworten. Seine Äußerung, man müsse eben vor der Planung eine Erhebung zum Thema Parken machen, stieß auf Verwunderung: Nicht wenige dachten, genau das sei schon geschehen. Wenig Konkretes war auch in Sachen Mobilitätszentrale zu hören: Vielleicht könne das ein Rentner für wenig Geld machen?

Eine Entscheidung über die Ausnahme vom Stellplatzschlüssel soll in Stein nach der Sommerpause fallen. "Der Stadtrat soll beschließen, was das Beste ist, Mietwohnungsbau oder Eigentumswohnungen", sagt Stefanie Krügel, die von ihrer grünen Wohnidee immer noch überzeugt ist, aber auch spürt, dass sie dafür nur wenig Rückhalt im Stadtrat hat. 

Beate Dietz

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