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Freitag, 21.09.2018

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Großer Bahnhof für die Helden

Ein skurriler szenischer Rundgang bei den bayerischen Theatertagen - 17.06.2018 12:00 Uhr

Mit Signalfarben operieren die Darsteller der Rundgangs „Helden werden Helden“. © Foto: André De Geare


Abseits des Theaters spielt sich das Geschehen um "Helden werden Helden" unter freiem Himmel ab. Drei Gestalten, in Rot, Blau und Violett gekleidet und geschminkt, geleiten die Zuschauer von den Stufen des Stadttheaters zunächst zum Bubenbrunnen am Helmplatz, wo eine rituelle Handwaschung stattfindet, sodann bis in die Winkel hinter der Feuerwache und dem Sozialrathaus. Unterwegs stoßen die drei gelegentlich schrille Schreie aus. Wovor erschrecken sie? Irgendwann fällt der Groschen: es sind Schilder und Gegenstände in der Signalfarbe Gelb.

Eine Lesung klärt uns auf: der "Yellow Mist", der gelbe Nebel hat sich der Städte bemächtigt und die Natur zum "Straßenbegleitgrün" degradiert. Doch wo die Not am größten, da ist die Rettung am nächsten: Held "Aktivisto" (Boris Keil) springt im roten Cape hinter den Bäumen hervor und beschwört die Zuschauer. Da kommt "Feministi" (Jördis Trauer) in Blau hinzu. Und aus dem Tunnel zur Gustavstraße schießt "Amnesty" (Elli Schwerk) in Violett, um gegen die Mächtigen aufzurühren. Für wen der drei sollen wir uns entscheiden?

Eine reichlich seltsame Collage aus philosophischen Monologen, Ritualen und quasireligiösen Gesten muten Jutta Körner und Jasmin Sarah Zamani (Text und Inszenierung) dem Betrachter mit ihrem szenischen Rundgang zu. Einerseits wird der Zuschauer zum Augenzeugen himmelstürmender Begeisterung wie auch abgrundtiefer Verzweiflung der Heldenfiguren. Andererseits wird er von Anfang an in die Selbstdarstellung der jeweiligen Helden mit einbezogen. Sei es durch direkte Ansprache, sei es durch gruppendynamische Rituale wie gemeinsamem Summen im Kreis oder dem gemeinsamen Ausstreuen von Saatkörnern.

Auch der Schauplatz ist mit Bedacht gewählt: ein Ort, an dem Natur und Stadt krass aufeinandertreffen. Dazu ein Ort, an dem echte Helden des Alltags – nämlich Feuerwehrmänner – sich für den nächsten Einsatz bereithalten. Und was lehrt uns das? Vielleicht dies: sich nicht auf etwaige Helden zu verlassen, sondern sich selbst für den Krisenfall seelisch und mental zu wappnen. 

Reinhard Kalb

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