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Heißmann for President: "Austreten" läuft im Kino

In der neuen Politsatire hat der Komödiant eine staatstragende Nebenrolle - 08.10.2017 10:00 Uhr

Die Separatisten kommen: In Andreas Schmidbauers „Austreten“ führt eine missverständliche Äußerung des bayerischen Ministerpräsidenten zu heftigen (und humoristischen) Absetz-Bewegungen. © Foto: schmidbauer-film


Die Bundestagswahlen, also die richtigen, waren gerade erst gelaufen, Herr Schulz schlief noch seinen Frust aus, als plötzlich in einer kleinen Großstadt in Mittelfranken Seltsames geschah. Rasch eingesackt waren die Plakate, auf denen für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben, geworben wurde; die Zeit für Gerechtigkeit war abgelaufen und Sahra Wagenknechts furchterregende Ohrringe nicht mehr länger Teil des Stadtbildes.

Nur, dass jetzt auf einmal ein sehr prominenter Fürther in staatsmännischer Pose und vor bräunlich-orangefarbenem Hintergrund auftauchte. "Frei statt Bayern!", fordert der Mann auf den wahlplakatgroßen Wahlplakaten. Und mit nachdrücklich größerer Schrift fordert er auch dies: "Austreten." Ein rotes Wahlkreuz rechts oben. Selten bis nie, dass man ganz genau hinschaute. Warum auch, es war wohl irgendwas mit Volker Heißmann, der viel macht, wenn der Tag lang ist. Vielleicht eine Wahl-Satire, vielleicht ein PR-Gag für ein neues Programm in der Comödie.

Aber hin und wieder lohnt sich dann doch der Blick aufs kleiner Gedruckte: "Kino wählen", so steht’s neben dem Wahlkreuz, auch ist von einem "neuen Kinofilm" die Rede. "Gleich nach dem Wahltag haben wir die Plakate aufgehängt", posaunt Wahlkampfmanager Alfred Ach, bekannt auch als Chef des Metroplex in der Gebhardtstraße. Die etwas leiseren Töne bevorzugt in diesem Film-Fall tatsächlich Volker Heißmann.

Superglücklich ist der Entertainer mit dieser PR-Aktion nämlich nicht. "Das war wirklich nur eine kleine Gastrolle", beteuert er, während die Plakate eine ganz andere Bildsprache sprechen; man könnte in der Tat meinen, Heißmann sei der einsame Held in einem epischen Polit-Blockbuster. Ist er nicht, er wird höchstens drei Minuten zu sehen sein. Dass die Filmproduzenten von "Austreten", so heißt das Werk nämlich, gleich vier Werbe-Wahlplakate mit vier Schauspielern anfertigen ließen, fällt keinem Fürther ins Auge. Unter anderem entgeht ihm "Kanal fatal"-Veteranin Veronika von Quast, die als thüringische Ministerpräsidentin ebenfalls zum "Austreten" mahnt.

Auch sie erlag — wie die prominenten Kollegen Eisi Gulp und Saskia Vester sowie Hannes Seebauer vom Staatstheater der Nachbarstadt — dem Charme des Münchner Filmemachers Andreas Schmidbauer. Für den 25-jährigen Laimer, der "Austreten" zusammen mit seiner Schwester Tanja und seinem Cousin Thomas in Eigenregie produziert und verleiht, bahnt sich ein schöner Erfolg an, denn zahlreiche Kinos in Süddeutschland und Österreich — und eben auch das Metroplex — haben angebissen. Das schafft längst nicht jede Low-Budget-Produktion.

Reitmayer muss mal

Die Idee des Films, den Schmidbauer aus guten Gründen auf keinen Fall noch während des Wahlkampfes starten lassen wollte: Auf einer Pressekonferenz verkündet der bayerische Ministerpräsident Reitmayer (gespielt von Ex-"Rosenheim Cop" Markus Böker) zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, dass er jetzt austreten wird. Während er eigentlich nur auf die Toilette will, wird er schon wenige Stunden später von der Öffentlichkeit dafür gefeiert, dass sich endlich ein Politiker für die Souveränität Bayerns einsetzt. Eine Nummer, aus der ihn auch Parteifreunde nur ungern wieder rauslassen möchten.

Na, und ob das turbulent wird. Schmidbauer arbeitet hauptberuflich als Kamera-Assistent für 3D-Produktionen. Als Teilzeit-Filmemacher landete er aber bereits 2014 einen Coup. "Hinterdupfing", besetzt mit Laiendarstellern und bezahlt mit einem Budget, das in etwa dem Wert von Leo di Caprios Zahnbürste entspricht, erzielte er einen Achtungserfolg, der in der Branche nicht unbemerkt blieb: 50 000 Kinozuschauer, Respekt.

Vielleicht klappte das Türenöffnen anno 2017 auch deshalb überraschend gut. "Einfach dreist anfragen", verriet Schmidbauer dieser Tage einem Münchner Stadtmagazin auf die Frage, wie er denn einen solchen Besetzungs-Reigen zuwege bringt. "Die jungen Herrschaften", sagt der Fürther Angefragte, "haben mich im Frühjahr angeschrieben, ich habe gleich zugesagt. Ohne Gage, denn ich weiß ja selber, wie es ist, wenn man jung ist, große Ziele hat, aber niemanden, der dir finanziell hilft."

Für einen Drehtag fuhr Heißmann nach Rosenheim. Er spielt in "Austreten" einen fränkischen Regierungspräsidenten, den der Gezeitenwandel im Freistaat zum fränkischen Ministerpräsidenten befördert. Er tritt in einer Talkshow auf und hält an der Grenze zu Thüringen eine aufrüttelnde Rede, Inhalt: Bleibt unbesorgt, die Grenzen bleiben weiterhin offen.

"Ich habe den Film noch gar nicht gesehen", gesteht Heißmann. Gut möglich ist aber, dass er am kommenden Dienstag im Metroplex vorbeischaut. Dort beginnt an jenem Abend um 19 Uhr eine "große Premierenveranstaltung". Dass "Austreten" allerdings schon seit Donnerstag läuft, der Dienstag also gar kein Premieren-Tag ist, stört Großtrommler Ach offenkundig wenig.

Ernst, sehr ernst wird Volker Heißmann indessen bei der Frage, ob ein vom rest der Nation entkoppeltes Bayern auch im wahren Leben Glückseligkeit pur verheißen könnte. "Da brauchen Sie aktuell nur nach Katalonien schauen, um zu wissen, was das bedeutet. Wir fahren sehr gut damit, dass wir zusammenhalten und gemeinsam Bayern sind."

  

MATTHIAS BOLL

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