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Montag, 18.02.2019

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Hochherrschaftliches Pfarrhaus steht zum Verkauf

Die Kirchengemeinde «Unsere Liebe Frau» trennt sich aus finanziellen Gründen von einer prunkvollen Immobilie - 20.01.2010

«In solchen Räumen bewegt man sich anders, da schreitet man»: Pfarrer Andreas Eckler, hier bei einem Gespräch im prunkvollen Salon des Pfarrhauses, das nun zum Verkauf steht. © Thomas Scherer


An dem Haus mit der Nummer 139 dürfte jeder Fürther schon achtlos vorbeigehastet sein. Die Sandsteinfassade - angejahrt, die Königstraße direkt davor - eine vielbefahrene Hauptverkehrsachse. Aufmerksamkeit bekommt wohl am ehesten der Parkscheinautomat vor dem Eingangstor. «Wir sind umgezogen», heißt es auf einem Papier, das ans Holz geheftet ist. Schon vor Monaten wurden das katholische Pfarrbüro und der Wohnsitz von Pfarrer Andreas Eckler verlagert, ein paar hundert Meter weiter in die Königstraße 113. «Sie können mir glauben», sagt der 63-Jährige lachend bei einem Gespräch, für das er in sein altes Domizil zurückgekehrt ist, «erst seit ich umgezogen bin in die neuen Räume, die schlicht sind und familiär, erst seitdem bin ich angekommen in Fürth».

Als «einmaliges klassizistisches Unikat der Neurenaissance» wird das denkmalgeschützte Pfarrhaus, das ein Kaufmann 1875 als Wohnhaus erbauen ließ und das eine Zeitlang dem Spiegelfabrikanten Johann Paul Winkler gehörte, ehe es 1927 in den Besitz der Kirche überging, auf den Internetseiten eines Immobilienportals angepriesen. Die großen Worte halten, was sie versprechen. Wer durch das Holztor tritt, fühlt sich augenblicklich in längst vergangene Epochen versetzt.

Hoch und weit tut sich zunächst ein Wintergarten auf, von dem es unter einem mit Schnitzarbeiten reich verzierten Portal ins Innere des Gebäudes geht. Besonders eindrucksvoll ist der Salon: Prächtige Wandvertäfelungen aus poliertem Holz reflektieren den Schein des elektrischen Kronleuchters, gobelinartige Stofftapeten umspannen den Raum. Fast wie unter Kirchenfresken verliert sich der Blick in den Tapetenbildern, die, so meint Pfarrer Eckler, «Menschen jeden Alters und Menschen aus aller Welt in vielleicht alttestamentarischen Szenen zeigen».

Als er selbst den Salon zum ersten Mal betrat, gesteht Eckler, sei er richtiggehend erschrocken. «Man tritt ja hier herein und fühlt sich plötzlich wie in einem Sissi-Film.» In der Folgezeit aber habe er dem Zeitensprung auch schöne Seiten abgewinnen können, etwa wenn er Gästen Kaffee im Salon anbot.

«Zehn Nummern zu groß»

Trotzdem: Eckler war das Haus «zehn Nummern zu groß». Von den 650 Quadratmetern Wohn- und Nutzfläche beanspruchte er seit seinem Amtsantritt im Herbst 2008 «nur eine kleine Ecke» im Obergeschoss für sich. Im vorigen Jahrhundert war das anders. Da soll das Herrschaftshaus von einem Pfarrer und fünf Kaplanen plus Haushälterin bevölkert gewesen sein. Gespeist wurde in dem nun leeren Raum neben dem Salon, einem «Spiegelkabinett im verträumten Jugendstil». In den Farbtönen lindgrün, gelb, weiß, gold ziert Decke und Wände eine überbordende Blumen- und Muschelornamentik. Heraus ragen Engelsköpfe, eine Supraporte mit spielenden Kindern, Medaillons mit kindlichen Figuren beim Fischen und beim Vogelfang. Die roten Lettern, mit denen eine Apotheke gegenüber die Blicke auf sich lenkt, sind hier ein Affront.

Das Objekt eigne sich als Notariat oder Kanzlei, heißt es im Angebot. Der Kaufpreis werde auf Anfrage genannt. Kirchenstiftung und Bistum Bamberg halten als Alternative zum Verkauf auch die Erbpacht für denkbar. Zurzeit arbeiten Experten an einem Wertgutachten. Sie taxieren das opulente Inventar, die Bausubstanz, den Renovierungsstau. Die Erzdiözese, erklärt Dekan Dittrich, habe in zehn Jahren 56000 Katholiken verloren, «gewissermaßen das ganze Dekanat Fürth». Das macht sich im Etat bemerkbar. Die Sanierung des Hauses 139 würde laut Dittrich «ein Wahnsinnsgeld kosten», Das könne sich nur leisten, wer «fett Geld hat». Erste Interessenten soll es bereits geben. 

Birgit Heidingsfelder

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