Sonntag, 18.11.2018

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Illustrer Nachruf auf den alten Flugplatz Atzenhof

Fürther Autorenduo untersuchte die Geschichte der Fürther Militärfliegerei für einen reizvollen Bildband - 11.02.2011 11:00 Uhr

Hinter der von einem Medienstudio genutzten alten Flugwerft blättern Renate Trautwein und Oliver Wittmann in ihrem noch druckfrischen Bildband über die Geschichte der Militärfliegerei in Fürth-Atzenhof. © Mark Johnston


Was Trautwein und Wittmann mit großer Liebe zum Detail zusammengetragen haben, lässt die Faszination der Fliegerei, die Fürth einst durch alle Bevölkerungsschichten bewegte, lebhaft nachempfinden. Dazu trägt schon das Titelbild bei: Eine Gruppe Flugschüler posiert im Fliegerdress und mit runden Sonnenbrillen lässig am Flugfeldrand: klar zum Abheben. Trotz der Fülle interessanter Quellen, auf die das Autorenteam im Staatsarchiv Hamburg, Kriegsarchiv München, Militärarchiv Freiburg und Landesarchiv Berlin sowie bei Zeitzeugen gestoßen ist, wird die mit 356 Fotos illustrierte Studie nie akademisch. Ein abenteuerlicher Hauch durchzieht alle 190 Seiten und macht die Lektüre spannend. Das kommt daher, weil sich die Autoren auf das Besondere konzentrieren, aber die großen Zusammenhänge dennoch nicht außer Acht lassen.

Zu den Merkwürdigkeiten, auf die Trautwein und Wittmann gestoßen sind, gehört die Tatsache, dass der Bauleiter des Fliegerhorsts Atzenhof, Wilhelm Schulte, hauptsächlich Kirchenarchitekt war. Mit dem 1916 eingerichteten Flugfeld gehörte Fürth zu den Pionieren der deutschen Luftfahrtgeschichte. Die Anfänge allerdings waren bescheiden. Ein Sonderzug mit 53 Waggons brachte im Oktober 1916 das Material für den neuen Fliegerhorst vom Lager Lechfeld nach Fürth. Als zwei Stürme Ende 1916 die provisorischen Flugzeughallen aus Zeltbahnen und acht Flugzeuge zerfetzten, schlug der Totalschaden mit gerade mal 270000 Mark zu Buche. Doch schnell entwickelte sich der strategisch günstig gelegene Fliegerhorst zur zweitwichtigsten Ausbildungsstätte für Kampfflieger in Bayern.

Pech der Räte

Auch die Fürther Räterepublik vom 7. bis 11. April 1919 schrieb mit den entscheidenden Abstimmungen auf dem Flugplatz Geschichte. Zu ihrem Scheitern hat in Fürth auch beigetragen, dass ein Flugzeug, mit dem eine dringend benötigte Notgeldpresse aus München herbeigebracht werden sollte, wegen eines Defekts nicht rechtzeitig abheben konnte.

Besondere Aufmerksamkeit widmen Trautwein und Wittmann den frühen Hangars, Normalflugzeughallen genannt. Eine historische Rarität. Die letzte ihrer Art wird auf dem ehemaligen Flugplatz gerade in Loft-Wohnungen umgewandelt.

Nach dem großen Schleifen der Kriegsmaschinerie in Folge des Versailler Vertrags avancierte der Fliegerhorst Atzenhof 1920 zum einzigen internationalen Flughafen Deutschlands. Unter dem Deckmantel der Sportflug GmbH und Reklamestaffel wurde hier aber auch der Aufbau einer neuen Luftwaffe betrieben.

Der militärische Zweck war offenkundig. So bildeten Bombenabwürfe auf ein eigens dafür am Flugfeld zusammengezimmertes Dorf namens Bonzenhausen den Höhepunkt des Flugtages 1933. Im Zweiten Weltkrieg waren 682 Menschen auf dem Flugplatz stationiert. Ergänzt wurde der Leithorst der Luftwaffe durch die Flugplätze Buchschwabach und Unterschlauersbach sowie durch den Industrieflughafen der „Waggon“ genannten Flugzeugwerke Bachmann von Blumenthal auf der heutigen Hardhöhe.

Anstoß zur Arbeit

Die Anregung zur Beschäftigung mit dem Fliegerhorst bekamen Trautwein und Wittman durch ihre Erforschung der Fürther Luftschutzanlagen. Der Abriss von Fliegerhorst-Gebäuden aus dem ersten Weltkrieg weckte zusätzliches Interesse. Niemand hatte sich bislang näher mit diesen beschäftigt. Deshalb standen sie auch nicht unter Denkmalschutz.

Was die Stadt jetzt mit Nachdruck betreibt: die Ansiedlung von Gewerbebetrieben auf dem ehemaligen Fluggelände, war übrigens gleich nach dem Zweiten Weltkrieg schon das Bestreben von Oberbürgermeister Hans Bornkessel gewesen. Er wollte Arbeitsplätze für die 20000 Flüchtlinge schaffen, die im nur wenig zerstörten Fürth einquartiert worden waren. Doch die Amerikaner waren ihm zuvorgekommen, indem sie das Areal für ihre eigenen Zwecke konfiszierten.

Vorgestellt wird der vom Fürther Grafiker Hans Harald Vogel kreativ gestaltete Bildband von den Autoren am kommenden Samstag, 12. Februar, um 14 Uhr in der Buchhandlung Edelmann an der Fürther Freiheit.

Lernt Fliegen! In Fürth-Atzenhof, Die Geschichte eines in Vergessenheit geratenen Fliegerhorsts, Renate Trautwein und Oliver Wittmann, emwe-Verlag Nürnberg 2011 ISBN 978-3-932376-80-1, 190 Seiten, 34,90 Euro im Buchhandel

  

Volker Dittmar

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