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In Hiltmannsdorf wartet die wunderbare Welt der Kunst

Sammler hat mit Akribie ein 26-bändiges Sammelwerk für das eigene Wohnzimmer geschaffen - 15.07.2017 09:00 Uhr

Sorgfältig hat Günter Gsell seine Werke beschriftet. Artikel aus den Fürther und Nürnberger Nachrichten spielen eine große Rolle. © Foto: Peter Budig


Nachschlagewerke, Lexika und Wörterbücher sind urdeutsches Kulturgut: Konrad Duden, Gustav Langenscheidt oder Friedrich Arnold Brockhaus sind Büchermacher aus dem 19. Jahrhundert, die noch heute jeder kennt. Die Digitalisierung hat die regalfüllenden Wissensspeicher ins Internet abwandern lassen. Doch Günter Gsells 26-bändiges Werk der philatelistischen Kunstwerke ist immer noch ein analoger Schaffensakt – sogar weitgehend ohne Hilfe des Internets entstanden.

Der Hiltmannsdorfer Postbeamte im Ruhestand hat sein Lebenswerk in Handarbeit erstellt und alle Inhalte, Bilder und natürlich die Briefmarken, ohne die es diese Arbeit nicht gäbe, aus aller Welt mühsam zusammengesucht. Artikel aus den Fürther und Nürnberger Nachrichten, namentlich aus dem Feuilleton, spielen dabei eine hervorragende Rolle.

Beginn mit Briefmarken

Grundlage eines Lexikoneintrages ist bei Gsell immer die Briefmarke. Ist ein Künstler als Marke erschienen – oder hat er ein Motiv geschaffen, dann wird Gsell tätig: Er sucht oder verfasst einen kurzen Einleitungstext zu Leben und Werk, er sammelt Bilder, Zeitungsartikel, findet und schafft Bezüge und lässt so seinen ganz persönlichen Lexikoneintrag entstehen: Von A wie Hans von Aachen, ein Wanderkünstler und Hofmaler aus dem 16. Jahrhundert, bis Z wie Francisco de Zurbarán, gestorben 1664, ein spanischer Maler aus der Zeit des sogenannten "goldenen Barock", reichen die Einträge.

Damit er flexibel bleibt, ein- und anfügen kann, verwendet er dunkelblaue Sammler-Ringbücher. "Wenn ich einen neuen Künstler einfügen will, muss ich nur in alphabetischer Reihe eine Seite einhängen". Doch ganz so einfach ist es nicht: "Irgendwann ist ein Band voll und dann muss ich umbauen und auflösen, und das zieht sich dann weiter und macht eine Menge Arbeit", erläutert Gsell, der mit seiner Frau ein mit Buchregalen gut gefülltes Häuschen in Hiltmannsdorf bewohnt.

Mit 13 Jahren begann er, Briefmarken zu sammeln. Später wurde er Postbeamter, arbeitete an Schaltern in Fürth und Nürnberg, leitete am Ende das Postamt von Doos. Sein ganzes Leben lang war er Zeitungsabonnent: "Ich hab’ von meinen Eltern das Abo geerbt." Etliche Artikel des Tübinger Kulturautors Rolf Vollmann, der oft für die NN über Kunst geschrieben hat, finden sich sauber ausgeschnitten im Gsell’schen Lexikon.

Doch am liebsten mag er die Art der Schreibe von Birgit Ruf, der stellvertretenden Leiterin des NN-Feuilletons und ausgewiesene Kunstexpertin: "Sie schreibt mir praktisch wie auf den Leib", befindet er und zeigt auf etliche Ruf-Artikel zum Thema "Dürer", dem Gsell gleich zwei ganze Bände seiner Reihe gewidmet hat. Zu Birgit Rufs Artikel "Dürers Sternenkarten" etwa hat er die passende Briefmarke und die Postkarte der Bundespost gefügt.

Die dunkelblau gebundenen Bücher stehen alle im Wohnzimmer, auf der schwerhölzernen Schrankwand. Um sie herabzuholen, holt er eine kleine, versteckte Leiter hervor und nimmt Band um Band zur Hand. Hermann Hesse, der neben seiner literarischen Arbeit viel gemalt und gezeichnet hat, aber auch Adolf Hitler finden sich im Band "H". Original-Briefmarken, ein Artikel von Claudine Stauber über die Versteigerung eines Hitler-Aquarells und eine Parodie von Anselm Kiefer, der sich im "Selbstporträt in Nîmes" (1970) zum "Führer" stilisiert. Bei Egon Schiele hat Gsell "Porno" in roter Schrift dazugeschrieben. Aber er meint das nicht abwertend, eher humorig.

Viel Raum hat der Nürnberger Grafiker und Maler Heinz Schillinger erhalten. Der im Februar 2008 mit 78 Jahren verstorbene, gelernte Retuscheur und später studierte Grafiker hat fast 400 Wettbewerbe der Deutschen Bundespost ab 1962 gewonnen und dann die Briefmarkenmotive entworfen. Zahlreiche Nürnberger Motive sind darunter, aber auch Helgoland, Rothenburg ob der Tauber, Heidelberg, Naturmotive wie Schmetterlinge oder Blumen gehören zu den Postwertzeichen aus seiner Feder. "Stimmungsvolle Aquarelle" heißt der Artikel aus den NN, der säuberlich ausgeschnitten dazugeklebt ist.

Tiere im finalen Band

Seit über 20 Jahren sammelt und gestaltet Günter Gsell sein ganz privates Lexikon. Themen wie "Raubkunst" hat er eigene Kapitel gegeben. Sein persönlicher Lieblingsmaler aber ist Pablo Picasso. Gsells (voraussichtlich?) letzter Kunstführer wird ein Themenband sein: Es soll um Tiere gehen, begonnen hat Gsell bereits mit dem Hahn, das Aufmacherbild zeigt ihn als poppiges Mischwesen von Antoine Helbert. Dazu passen Briefmarken aus der ehemaligen DDR und Vietnam.

Nach dem Tierbuch will er aufhören mit der lexikalischen Leidenschaft. Doch was wird einmal geschehen mit dem ganz privaten Kunstwerk von Günter Gsell? "Das weiß ich nicht so recht. Meine Stieftochter zieht nicht richtig, ich weiß gar nicht, wo das einmal hin soll", seufzt der 84-Jährige. L’art pour l’art, die Kunst allein um der Kunst willen, das Sammeln und Kleben, das Aneinanderreihen als gelehrter Selbstzweck – wird das am Ende über Gsells enormen lexikalischen Eifer gesagt werden? 

PETER BUDIG

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