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Jüdischer Friedhof: Das Haus der Ewigkeit

Führung über die letzte Ruhestätte in Wilhermsdorf - 22.10.2014 13:00 Uhr

Die jüdische Geschichte Wilhermsdorfs spiegelt sich am Friedhof wider. Hobby-Historiker Robert Hollenbacher wies Besucher auf die Besonderheiten der jüdischen Bestattungskultur hin. © Foto: Heinz Wraneschitz


Jüdische Bürger hatten sich auf vielfache Weise für ihren Heimatort Wilhermsdorf engagiert. Einige der Gebäude, die auf Bauherren jüdischen Glaubens zurückgehen, stehen heute noch, zum Beispiel die Synagoge, wenn auch ohne Turm. Zwischen drei und 20 Prozent schwankte der Bevölkerungsanteil der Juden, die „Blütezeit lag bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts“, weiß Hollenbacher. Er unterrichtete einst unter anderem evangelische Religion, ist seit zehn Jahren im Ruhestand und hat viel Zeit damit verbracht, die Geschichte der Juden in seiner Heimatgemeinde aufzuarbeiten.

Wie es scheint, sind die ersten im 15. Jahrhundert aus Nürnberg nach Wilhermsdorf gekommen – ob gezwungenermaßen oder freiwillig, weiß niemand. Auf einem Grabstein wurde jedenfalls die Jahreszahl 5212 gefunden nach jüdischer Zeitrechnung, was 1452 gregorianischer Zeit entspricht.

Als letzter Toter wurde am 5. April 1936 der Viehhändler Naphtali Gottlieb begraben. Zu seiner Erinnerung wurde kein „Stein der Toten“ mehr errichtet. Doch davon stehen über 500 auf dem 3950 Quadratmeter großen, von einer Backsteinmauer umgebenen Friedhof. Die etwa Ende des 19. Jahrhunderts aufgestellten Steine sind durchnummeriert bis zur Zahl 491, spätere tragen keine Nummern. Den Grund kennt Hollenbacher nicht.

Teils sind die Sandsteine bis auf 30 Zentimeter verrottet, teils ragen die Marmormonumente vier Meter in die Höhe. Anders als im Christentum üblich dürfen jüdische Friedhöfe und Gräber nicht aufgelassen werden, sie heißen „Haus der Ewigkeit“ oder „Guter Ort“ und bleiben auf ewig bestehen. Begraben sind hier Wilhermsdorfer sowie Juden aus Markt Erlbach und Dietenhofen. Langenzenner dieses Glaubens wurden in Fürth bestattet.

Kerze brennt ein Jahr

Robert Hollenbacher weiß viel über die Todesrituale der Juden. Innerhalb von 24 Stunden müssen Verstorbene beerdigt werden. Zuerst wird eine Feder auf die Lippen gelegt, um Scheintote zu erkennen. Am Friedhof reißen sich die Trauernden die Kleidung auf, der Riss muss 30 Tage lang bleiben. Ein Jahr lang brennt eine Trauerkerze.

Erst danach wird der Grabstein aufgestellt. Darauf sind oft Verzierungen zu sehen, die auf Berufsstand oder Alter hinweisen. Gebrochene Bäume oder Blumen stehen für jung Gestorbene, betende Hände für Vorbeter, eine Tafel für Intelligenz.

Überliefert ist, dass der jüdische Friedhof in den Jahren 1877 und 1879 „durch ruchlose Hände“ und „Frevler“ geschändet wurde. Nazis warfen 1938 45 Grabsteine um.

Doch in Aufzeichnungen ist auch zu lesen, dass sie alles wieder reparieren mussten. Die Gründe dafür sind unbekannt, spekuliert wird, dass den NS-Bürgermeister eine ausgegrabene Handgranate erschreckt habe und er darauf die Wiederherstellung anordnete.

„Die Juden sind ein wichtiger Teil der Wilhermsdorfer Geschichte“, stellt Hollenbacher klar. So war eine Pinselfabrik mit bis zu 130 Beschäftigten in jüdischem Besitz. Hier war auch einer der wichtigsten Druckorte für jüdische Veröffentlichungen: 170 Werke sind noch heute bekannt, religiöse Schriften, Märchen, Chroniken oder Sachbücher über Mathematik.

Der Hobby-Historiker hat sich vorgenommen, jeden Grabstein im Friedhof zu fotografieren und so der Nachwelt zu erhalten: Die Übersetzung der hebräischen Inschriften wolle er aber anderen überlassen, sagt er.

Im Übrigen hat Robert Hollenbacher einen persönlichen Bezug zum Judentum im Ort: Sein Urgroßvater habe den Plan für die Synagoge gezeichnet und sie mit errichtet, weiß der Ex-Lehrer. Das Gebäude wurde von den NS-Verantwortlichen der Gemeinde übernommen und zu Nazizeiten verkauft. Es steht noch heute, hätte eine eigene Würdigung verdient, ergänzt Hollenbacher.

Der jüdische Friedhof wird heute offiziell durch den Landesverband der Israelitischen Kultusgemeinden Bayern von München aus betreut. Interessantes über Synagoge und Friedhof steht auch bei www.alemannia-judaica.de 

Heinz Wraneschitz

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