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Klezmer Festival ging mit Ladino-Songs zu Ende

Sarah Aroeste bestritt das Finale im Kulturforum - 15.03.2016 12:15 Uhr

Geradeaus-Rock gegen das Vergessen: Sarah Aroeste, deren Familie von Griechenland und Mazedonien aus in die USA emigrierte, pflegt die Sprache der sephardischen Juden.

Geradeaus-Rock gegen das Vergessen: Sarah Aroeste, deren Familie von Griechenland und Mazedonien aus in die USA emigrierte, pflegt die Sprache der sephardischen Juden. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Ja, ist das denn Klezmer? Eine Frage, die nach den ersten Klängen des Abends unausgesprochen über den Zuhörern zu schweben schien. Die Antwort kam von Festival-Chefin Claudia Floritz und lautete schlicht: „Nein.“ Trotzdem passt die Amerikanerin mit ihrem Ladino-Rock reibungslos ins Programm. Schließlich wartet das Fürther Musikfest, das heuer mehr als 4000 Besucher anzog, mit einem frischen Untertitel auf, und der heißt: „Jewish Music Today.“

Aktuelle jüdische Musik ist genau das, was Sarah Aroeste präsentiert. Enttäuscht davon, dass die sephardische Musik – anders die aschkenasische – kaum noch wahrgenommen wurde, machte sich die 39-Jährige selbst an die Aufgabe, das Vergessene zu beleben. Seither singt die Frau, die eine klassische Gesangsausbildung absolvierte, Texte in Ladino, einer Sprache, die einst jüdische Gemeinden rund um das Mittelmeer sprachen. Das sogenannte Juden-Spanisch ist die traditionelle Ausdrucksform der sephardischen Juden, die bis zu ihrer Vertreibung im 15. Jahrhundert auf der iberischen Halbinsel lebten.

Persönliche Erinnerungen

Aroeste aber bringt jetzt neue Töne ins Spiel, Pop-Balladen mit rockigen Untertönen hat sie zum Beispiel nach Fürth mitgebracht. Drei Alben hat sie bisher veröffentlicht, das vierte („Ora de Despertar – Time to wake up“) kommt in diesen Tagen heraus und wird neue Kinderlieder mit Ladino-Texten bringen, die sie für ihre Töchter schrieb. Zwei sanft poetische Wiegenlieder gibt es zuvor schon im Kulturforum zu hören. Die Amerikanerin lässt ihr Publikum auch an ganz persönlichen Erinnerungen Anteil nehmen. Auf die Bühnen-Rückwand wird ein Film projiziert, in dem ihre Großeltern um 1930 herum zu sehen sind. Wenig später mussten sie von Griechenland und Mazedonien aus in die USA emigrieren.

In Fürth hat die Enkelin auch den Titelsong ihrer 2012 erschienenen CD „Gracia“ im Gepäck. Gewidmet ist die leidenschaftliche Hymne Dona Gracia Mendes Nasi, einer unkonventionellen Renaissance-Heldin, die im 16. Jahrhundert Hunderte von konvertierten Juden vor der Inquisition bewahrte und ein ungewöhnliches Frauenleben führte.

In Sarah Aroestes Band hält Shai Bachar vom Flügel aus die Fäden in der Hand. Es ist ein gefälliger Sound, dem es jedoch etwas an einer ganz unverkennbaren Handschrift mangelt. Die kommt erst dank der Texte ins Spiel, die in ihrem unergründlichen Mix aus vielen Sprachen – Ladino hat neben spanischen auch portugiesische, türkische, italienische, hebräische und griechische Wurzeln – im selben Moment seltsam vertraut und vollkommen fremd zugleich wirken.

Sarah Aroeste bewahrt mit ihren Songs eine alte Sprache vor dem Vergessen. Aus Erinnerung wird bei ihr Zukunft. Allein das macht sie schon zur perfekten Künstlerin, um einen richtungweisenden Schlusspunkt unter die 15. Auflage des Fürther Erfolgs-Festivals zu setzen. 

SABINE REMPE

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