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Klinikum Fürth: Pflegedirektion erklärt angeblichen Missstand

Umstrukturierung zog massiven Überstundenabbau nach sich — Nachwuchsmangel und Liegedauer machen Probleme - 27.10.2014 16:00 Uhr

Ein Bild mit zunehmendem Seltenheitswert? Zwei junge Menschen, die sich für den Beruf Krankenpflege interessieren, üben, wie man einen Patienten wendet. Der Fachkräftemangel fordert auch das Fürther Klinikum heraus. © Foto: dpa


Seinen Namen will der Mann in der Presse nicht lesen. Seine Ehefrau, am Fürther Krankenhaus beschäftigt, solle wegen seiner Beschwerde bei der Zeitung keine Nachteile haben. Als Grund für seinen Anruf nennt er eine Umstrukturierung in der Pflege: Vor zwei Jahren sei viel Personal „ins mittlere Management“ gehoben worden – und fehle jetzt am Bett.

Seitdem liege einiges im Argen. Es würden „haufenweise Überstunden“ gemacht, außerdem würden Pflegekräfte häufig in ihrer Freizeit angerufen und gefragt, ob sie nicht doch arbeiten könnten. Der Krankenstand sei so hoch wie nie. Die Angestellten fühlten sich zudem wie auf einem „Rangierbahnhof“, weil sie auf wechselnden Stationen eingesetzt würden. Und für all das sei der neue Pflegedirektor verantwortlich.

Der Neue heißt Ortwin Kirchmeier und ist seit 2012 im Amt. Ja, sagt er auf FN-Anfrage, es habe eine fast schon „revolutionäre Veränderung“ in der Organisation der Pflege am Klinikum gegeben. Dass sie die Mitarbeiter zusätzlich belaste, verneint er aber. Das Gegenteil sei der Fall. Seit die Reform greift, sei eine Überstundenzahl in fünfstelliger (!) Höhe abgebaut worden.

Im Übrigen, beteuert er, habe er diese Veränderung nicht übergestülpt. Erarbeitet wurde sie ab Oktober 2012 von dutzenden Führungsmitarbeitern wie den Stationsleitungen. Falsch sei, dass es nun mehr Führungskräfte gebe, es seien weniger. Statt einer Leitung und den beiden Stellvertretern hat nun jede Station einen Teamleiter. Tatsächlich würden diese kaum noch pflegerische Tätigkeiten übernehmen. Dafür entlasten sie ihre Kollegen, indem sie die Arbeitsabläufe organisieren und als Ansprechpartner für Patienten und Angehörige dienen.

Ein weiterer Kernpunkt: Früher sei jede Station für sich betrachtet worden. Jetzt seien sie vernetzt. Unterstützung bekommen alle Teamleiter von vier Koordinatoren mit unterschiedlichen Aufgabengebieten. Beispiel: Weil der Belegungskoordinator alle Stationen im Blick hat, sei es gelungen, die Zahl der Gangbetten deutlich zu reduzieren – und das, obwohl das Klinikum immer mehr Patienten zu versorgen hat.

Kirchmeier räumt ein, dass Pflegekräfte wegen dieser Vernetzung auch auf anderen Stationen aushelfen müssten – allerdings nicht in einem fachfremden Bereich. Sprich: Wer in der Chirurgie arbeitetet, wird sich nicht bei den Internisten wiederfinden.

Klingt alles gut, wie kommt es dann aber zu der heftigen Kritik des Anrufers? Große Veränderungen im Job würden von manchen nun mal als Bedrohung wahrgenommen, sagen Nadine Heym und Carola Schröder aus dem Team des Pflegedirektors. So etwas könne nicht ganz ohne Reibungen ablaufen. Als dringlicheres Problem werten sie den Fachkräftemangel. Obwohl das Klinikum selbst ausbildet, fehlt es an Nachwuchspflegerinnen und -pflegern, zumal die Konkurrenz im Kampf um die Köpfe riesig sei im Großraum. Weil es folglich immer länger dauere, passende Mitarbeiter zu finden, blieben auch im Fürther Klinikum laufend Stellen unbesetzt. „Wenn dann in einer Station noch Krankheitsfälle dazu kommen, wird es eng“, sagt Schröder.

Höherer Aufwand

Die vom Gesetzgeber gewollte geringere Liegedauer belaste das Personal zusätzlich. Waren Patienten früher 13 bis 14 Tage im Haus, seien es jetzt nur noch sechs. Das bedeutet: Deutlich mehr Menschen werden behandelt. Der Aufwand pro Person sei jedoch gleich geblieben oder mehr geworden. Denn in die kürzere Zeit würden mehr Untersuchungen gepresst und es gebe höheren bürokratischen Aufwand.

Auch eineinhalb Jahre nach Einführung des neuen Systems würden daher punktuell Überstunden gemacht, müssten Mitarbeiter mitunter zu Hause angerufen werden, sagt Pflegedirektor Kirchmeier. Das auf die Umstrukturierung zu schieben, sei jedoch falsch. „Wenn wir das neue System nicht hätten, wären die Auswirkungen viel schlimmer.“

Und was sagt der Personalrat? In der Anfangszeit habe es einige Mitarbeiterbeschwerden gegeben, das habe aber deutlich nachgelassen, so die Vorsitzende Adelheit Schneider. „Nicht jeder findet sich sofort zurecht“, meint sie, betont aber, dass das neue System Sinn habe. „Es braucht nur Zeit, bis alles greift.“ Das sagt auch Ortwin Kirchmeier. Er ruft unzufriedene Angestellte zum Dialog im neuen Mitarbeiterforum auf. Und an die Frau des Anrufers gerichtet, sagt er: „Es wäre schön, wenn sie das Gespräch mit mir sucht.“ 

Johannes Alles

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