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Kriegsende in Fürth: Weiße Windeln im Fenster

Zeitzeugen erinnern sich an Angst und auch Erleichterung vor 70 Jahren - 20.04.2015 11:22 Uhr

Mit erhobenen Händen marschieren Männer über die gesprengte Maxbrücke. © Fotos: FN, Winckler


Heinrich Schmitt, heute 77 Jahre alt, ist in der Weiherstraße aufgewachsen, gegenüber dem alten jüdischen Friedhof. Von seinen drei Geschwistern wird er bis heute „Heiner“ gerufen. Der Vater fiel 1942 kurz vor Stalingrad.

„Das letzte Kriegsjahr war mein erstes Schuljahr. Da war aber mehr Fliegeralarm als Schule. Wir sind dann immer nach Hause gerannt, von der Pfisterschule waren es ja nur zwei, drei Minuten. Wenn der Alarm nachts losging, kam die Tochter von unseren Nachbarn zu uns runter. Lotte half meiner Mutter, uns vier Kinder schnell anzuziehen.

War damals sieben Jahre alt: Heinrich Schmitt.


In den letzten Tagen kam man kaum raus aus dem Keller. Meine Großmutter war die Ausnahme. Sie blieb oben am Radio, so lange es ging. Die Leute unten sagten immer: Jetzt kommt die Steidtnerin, jetzt wird’s brenzlig.

Bei uns im Hinterhaus hatten die Großeltern ein Kartonagengeschäft. In den letzten Tagen haben dort deutsche Soldaten kampiert und Schützengräben bis zum Fluss gebaut. Sie haben aber nicht viel rausgeschossen. Es war ja entschieden. Die Amerikaner nahmen sie später als Gefangene und führten sie an uns vorbei.

Als die Amerikaner kamen, hatte meine Tante zufällig weiße Windeln zum Trocknen ins Fenster gehängt. Das war gut, so geschah uns nichts. Wir mussten dann über die gesprengte Maxbrücke zur Billinganlage laufen und dort warten, während die Wohnungen durchsucht wurden. Die Erwachsenen hatten sicher Angst, aber unsere Mutter ließ uns das nicht spüren.

Bei uns im Haus haben die Amerikaner dann den ersten Stock beschlagnahmt und sich einquartiert. Aber die waren so human! Wir Kinder haben ja das Paradies bei denen gehabt! Sie haben Naschereien verteilt: Kaugummi, Bonbons, Schokolade – alles, was es vorher nicht gab.“

Heinrich Schmitt wurde Flaschner. Arbeit gab es – auch wegen des Baubooms auf der Hardhöhe – mehr als genug.

Gottfried Keck, heute 75 Jahre alt, ist in einem Mehrfamilienhaus in Burgfarrnbach aufgewachsen. Die Eltern hatten eine Bäckerei. Vor den Bomben suchte die Familie Schutz im Brauereikeller.

„Wir waren im Keller, als Soldaten mit Gewehren reinkamen. Es war das erste Mal in unserem Leben, dass wir einen dunkelhäutigen Menschen sahen. Wir durften dann heim und stellten fest, dass ein Panzer die Treppe vor dem Eingang weggefahren hatte. Ein paar Amerikaner waren im Haus und blieben einige Tage. Einmal brachten sie Eier und sagten: ,Ei, Ei, Ei!‘ Es war die Aufforderung an die Mutter, die Eier zu braten.

Weil mein Vater in der Partei war, hatte er Backverbot, bis er entnazifiziert war. Solange durften wir aber Brot von der Mühlenbäckerei verkaufen. Ich weiß noch, dass wir für eine Mehlkammer, die wir bauen wollten, ab und zu mit dem Leiterwagen loszogen: zu einem Bombentrichter neben dem Burgfarrnbacher Friedhof, in den der Schutt von zerstörten Häusern geschmissen wurde. Mit meinem Vater suchte ich nach Ziegelsteinen, die noch in Ordnung waren und die wir heimtransportieren konnten.

1945 kam ich auch in die erste Klasse, aber weil die Schule von den Amerikanern besetzt war, war die Pfarrscheune unser Schulhaus.“

Gottfried Keck lernte Konditor und wurde später Briefträger.

Marianne Weber, heute 91, arbeitete 1945 in der Zahlenmeisterei der Sedankaserne der Wehrmacht in der Südstadt, die nach dem Krieg das US-Militär nutzte. Sie wohnte mit ihrer Mutter und zwei Geschwistern in der Nürnberger Straße. Ein Bruder fiel in Stalingrad, ein anderer starb später in der Gefangenschaft.

„Ich hab’ in der Zahlenmeisterei angerufen und gesagt: ,Ich komme nicht mehr, die Amerikaner schießen ja schon nach Fürth rein.‘ Wir sind zuletzt auch nicht mehr aus dem Haus gegangen, wir wussten ja nicht, was passieren würde. Dann stand auf einmal ein Amerikaner in der Tür. Er zeigte auf eine Plakette mit einem Hakenkreuz – meine Mutter war Luftschutzwart. Er sagte, die sollen wir lieber schnell wegmachen. Zum Glück ist uns nichts geschehen.

Vor dem Krieg hatte ich zu meiner Schwester gesagt: ,Ich wett’ mit dir eine Tafel Schokolade, dass der Krieg in vier Wochen aus ist.‘ Ich sollte mich täuschen. Nach dem Krieg wussten wir nicht, was mit unserem Vater war. Ich hab immer gesagt, der Vati lebt noch – und diesmal sollte ich Recht behalten. Irgendwann hörten wir, dass er mit dem Sohn einer Bekannten in Gefangenschaft war.

Ich hab die Mutter immer vertröstet und gesagt: ,Mutti, nimm dich zusammen, der Vati ist bis Weihnachten da.‘ Am 13. Dezember 1949 kam er. Er war Offizier und kam daher wie ein Bettler. Ich erkannte ihn erst nicht und fragte: ,Was möchten Sie überhaupt hier?‘ Die Tafel Schokolade hat meine Schwester von mir noch bekommen — nach dem Krieg.“

Marianne Weber hat in der Flüchtlingsbetreuung gearbeitet und danach bei der Stadtmission Nürnberg. Ihre Schwester Hertha sah als Leiterin des Kindergartens von St. Michael Generationen von Kindern groß werden. 

Protokolle: CLAUDIA ZIOB

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