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Lehrstellensuche: Noten zählen nicht mehr so viel

Bei einer Tagung in der Fürther Stadthalle diskutierten Experten über die Ansprüche von Ausbildungsbetrieben - 26.02.2013 22:00 Uhr

Für Ausbildungsbetriebe ist die Suche nach passenden Lehrlingen schwieriger geworden. Experten raten, die Ansprüche zu korrigieren.

Für Ausbildungsbetriebe ist die Suche nach passenden Lehrlingen schwieriger geworden. Experten raten, die Ansprüche zu korrigieren. © Jens Schlueter/dapd


Die Ausgangsposition hat sich geändert: Früher kämpften Schulabsolventen mit einem Quali in der Hand noch um Ausbildungsplätze – heute sind es die Arbeitgeber, die um Nachwuchskräfte buhlen müssen. Fachleute beobachten allerdings: Trotz Bewerbermangel schrauben die Betriebe ihre Anforderungen nicht zurück. Professor Dr. Arnulf Bojanowski, der von der Universität Hannover zur Fachtagung in der Stadthalle angereist war, bestätigte: „Wenn man sich die Eignungstests der letzten 15 Jahre anschaut, sieht man, dass die Ansprüche kontinuierlich gestiegen sind.“

Wer kommt rein? Wer kommt nicht rein? Unternehmen orientieren sich bei der Beantwortung dieser Fragen gerne am sogenannten Ausbildungsreifekatalog. Der legt fest, was von Schulabgängern erwartet werden kann, bevor sie eine Ausbildung beginnen. Neben Schulkenntnissen bestimmt der Reifekatalog auch „soft skills“ näher, also soziale Fähigkeiten, die im Berufsleben gefragt sind. Durchhaltevermögen, Selbstorganisation und Teamfähigkeit gehören dazu.

Die Folge: Viele Lehrstellen bleiben unbesetzt und Schulabgänger ohne Ausbildungsplatz. „Den Ausbildungsreifekatalog kann man so nicht anwenden“, sagte Sabine Eger vom Schenker-Konzern während der Podiumsdiskussion, mit der die Tagung ihren Abschluss fand. In ihrem Berufsalltag stellt Eger fest, dass die Jugendlichen sich während ihrer Ausbildung noch stark entwickeln. Die Azubis fangen mit 15 Jahren an und sind mit 17 fertig, „da haben die einen riesigen Sprung gemacht“. Auch Bürgermeister Markus Braun gab zu bedenken, dass man von den Schülern nicht zu viel erwarten dürfe. „Wenn ich mir einen 15-jährigen Gymnasiasten vorstelle, der denkt an alles andere außer Arbeit.“

Gefragt war bei der Diskussion auch die Meinung der Schüler. „Viele haben keine Lust auf Schule“, erzählte Wladimir. Es gebe tatsächlich Jungen und Mädchen, die zu faul seien, ihre Hausaufgaben zu machen oder Bewerbungen zu schreiben. Andere aber, so Wladimir, bewerben sich nicht, weil sie denken, dass sie wegen ihrer schlechten Noten sowieso niemand einstellen würde.

Sabine Eger vom Logistikunternehmen Schenker macht diesen Jugendlichen Mut: Noten seien nicht mehr das ausschlaggebende Kriterium bei der Durchsicht der Bewerbungen. Das Anschreiben spiele eine große Rolle und auch die Bemerkungen im Zeugnis. „Bei uns arbeitet zum Beispiel ein Türke, der möchte jetzt gerne die Ausbildung zum Fachlageristen machen.“ Problematisch seien dessen schlechte Deutschkenntnisse und die Tatsache, dass er keine deutschen Abschlüsse habe. Aufgrund seiner hohen Motivation und Einsatzbereitschaft habe er aber trotzdem gute Chancen auf die Stelle.

Kritisch sieht Veit Bronnenmeyer vom Projektbüro für Schule und Bildung den Trend zu höheren Schulabschlüssen. Hätten viele mit einem niedrigeren Abschluss nicht vielleicht bessere berufliche Chancen?

Mehr Aufmerksamkeit

Auch aufs europäische Ausland blickten die Teilnehmer der Tagung. Bronnenmeyer sprach in seinem Fazit von drei verschiedenen Typen: Während die skandinavischen Länder die Jugendzeit als Entwicklungsphase betrachten und hier großzügig investieren, seien Heranwachsende in den südlichen Ländern ziemlich auf sich allein gestellt. Deutschland befinde sich in der Mitte. Um bessere Erfolge zu erzielen, brauche es eine erhöhte kommunale Aufmerksamkeit.

Auch im Hinblick auf spätere Kosten sei ein geglückter Übergang in den Beruf das Beste, was einer Stadt passieren kann, betonte Bürgermeister Braun. Er ist sich sicher: „Junge Menschen werden in kürzester Zeit eine der kostbarsten Ressourcen sein, die wir haben.“

  

Franziska Rauch

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