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Luftschutzraum aus dem Kalten Krieg hat ausgedient

Tiefgarage des City-Centers wird modernisiert und verliert damit ihre alte Funktion - 17.12.2011 10:00 Uhr

Vertreter von City-Center, Stadt Fürth und Betreiber Contipark besichtigen beim Rundgang durch die Tiefgarage das tonnenschwere Schiebetor, das im Ernstfall die Zufahrt hermetisch abriegeln sollte.

Vertreter von City-Center, Stadt Fürth und Betreiber Contipark besichtigen beim Rundgang durch die Tiefgarage das tonnenschwere Schiebetor, das im Ernstfall die Zufahrt hermetisch abriegeln sollte. © Hans-Joachim Winckler


Obwohl sie sich über die Jahre x-mal mit der Materie beschäftigen musste, ist Petra Wein das Erstaunen noch immer anzumerken. Hier, in den Katakomben des Fürther Einkaufstempels, schildert die derzeitige Zivil- und Katastrophenschutzbeauftragte der Stadt, wie einst die Furcht vor „dem Russen“, der Anfang der 1980er Jahre in der Wahrnehmung vieler noch tagtäglich vor der Tür stand, quasi in Beton gegossen wurde. „Die Geisteshaltung, die dahinter steckt, ist beachtlich“, meint Wein.

Zum Schutz vor Angriffen aus der Luft wurden damals überall in Deutschland bomben- und strahlungssichere Zufluchten geschaffen, so auch in Fürth: Zusätzlich zur Stadthallen-Tiefgarage konzipierte man in den ehemaligen Bierkellern der Geismann-Brauerei, an deren Stelle das City-Center entstehen sollte, die künftige Garage gleichzeitig als Schutzraum.

In zwei voneinander getrennten Sektoren sollten jeweils 2500 Menschen zwei Wochen lang dort einquartiert werden können, wo sonst die Autos parkten — hermetisch abgeriegelt von der Außenwelt. Stolze 4,45 Millionen D-Mark Zuschuss ließ der Bund dafür springen.

Hoher Aufwand

Peter Ehrmann, damals wie heute technischer Leiter im City-Center, erinnert sich, welcher gigantische Aufwand damit finanziert wurde. Wände sind 40 statt 20 Zentimeter dick, die stahlverstärkten Decken halten einer Belastung von 250 Tonnen pro Quadratmeter stand — zehnmal so viel wie üblich. 20 massive Tore und rund 80 Türen aus Stahl und Beton hätten den Schutzraum abgeschottet, Aktivkohlefilter die Luft von Giftgas und Strahlung reinigen sollen.

Edelstahlwaschbecken und 100 chemische Toiletten, für die 250000 schwarze Plastiksäcke gebunkert wurden, waren zur Montage an den Wänden vorgesehen; ein Teil der Parkbuchten hätte sich auf diese Weise in Sanitärzonen verwandelt, die dafür nötigen Rohre und Anschlüsse sind nach wie vor zu besichtigen. Auf den anderen Stellplätzen hätten die Menschen kampieren müssen.

Im November 1985, mit Fertigstellung des Centers, war auch das aufwendige Werk im Untergrund vollbracht — doch schon in den 90er Jahren zeigten sich die Tücken: Wasser, mit dem niemand gerechnet hatte, war eingedrungen, die Tore rosteten und hätten im Ernstfall kaum noch geschlossen werden können.

Peter Ehrmann, Technikchef im Center, mit einer der chemischen Toiletten für die Schutzraumbewohner.

Peter Ehrmann, Technikchef im Center, mit einer der chemischen Toiletten für die Schutzraumbewohner.


Ein gewisses Amüsement darüber verhehlt Peter Ehrmann nicht, „grotesk“ findet es Petra Wein, die sich dessen ungeachtet bis zuletzt um die Betonburg kümmern musste. Bereits 2007 hatte die Bundesregierung zwar das Aus für alle Bunker verkündet, weil sie inzwischen als überflüssig galten; doch es sollte noch Jahre dauern, bis die Weisung für die beiden Fürther Anlagen umgesetzt wurde.

Nun aber ist endgültig Schluss, den prallen Schlüsselbund hat die Stadt dem Parkhausbetreiber Contipark übergeben. Dessen für Fürth zuständiger Regionalleiter Wolfgang Zetzsche rückt jedoch schnell die Vorstellung zurecht, das Zivilschutzinventar werde nun verschwinden. Viel zu kostspielig sei ein Rückbau oder eine Entfernung der tonnenschweren Hinterlassenschaften, sagt er. Und warum auch die Mühe? Kaum jemand habe in den 26 Jahren des Center-Bestehens schließlich Notiz von der merkwürdigen Tiefgaragen-Doppelrolle genommen.

Heller und freundlicher

Der Gewinn für Contipark ist anderer Art: Wo bisher bei jedem Loch, das man bohren wollte, langwierige amtliche Genehmigungen nötig waren, können nun, ohne die Zivilschutzbindung, Nägel mit Köpfen gemacht werden. Heller und freundlicher soll die Tiefgarage des „neuen“ Centers werden, größere Zugänge sind geplant.

Eine negative Auswirkung der Luftschutzraumplanung auf die Einkaufswelt darüber lässt sich indes nicht tilgen, wie der technische Leiter Ehrmann weiß: Elf Notausgänge führen nach oben und erschweren dort den Zuschnitt von Ladenflächen. Mit dieser Spätfolge muss jeder künftige Center-Betreiber leben — ob er will oder nicht.

Der Verein Untergrund Fürth wird am Wochenende 14./15. Januar mehrere Führungen im und unter dem City-Center anbieten. Die Uhrzeiten stehen noch nicht fest, sie sollen rechtzeitig der Homepage www.untergrund-fuerth.de  zu entnehmen sein.

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Schutzraum unterm City-Center: Ein Relikt des Kalten Krieges

Viele Fürther haben wohl gar nicht gewusst, dass die Tiefgarage unter dem City-Center als Schutzraum für 5000 Menschen vorgesehen war. Ein Rundgang...


 

VON WOLFGANG HÄNDEL

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