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Neues aus dem Berliner Hip-Hop-Salon

Auftakt zu 20 Jahre Kulturpalast Anwanden: Pigor und Eichhorn werden immer besser - 24.06.2018 09:24 Uhr

Benedikt Eichhorn (links) und Pigor lassen beim Auftritt im Wolfgangshof nichts anbrennen. © Daniel Karmann/dpa


Der Kulturpalast hat viele Stammgäste. Die wussten schon, was das bedeutet: "Pigor singt. Benedikt Eichhorn muss begleiten". Ein Titel mit einer leicht vergifteten Pfeilspitze im Köcher, denn die (Bühnen-)Rivalität zwischen der singenden Diva und dem subalternen Pianisten Eichhorn zieht sich noch durch jedes Liveprogramm.

Zum vierten Mal ist das kabarettistische Duo aus Berlin (Pigor stammt aus Unterfranken) zu Gast. "Salon Hip-Hop" nennen sie ihre Kunstform, also eine Mischung aus Ancien Régime und moderner Subkultur – und das trifft, wie immer, wenn Pigor lostextet, den Nagel präzise auf den Kopf.

Dieses Chanson-Kabarett liefert eine Mischung aus philosophischer Haarspalterei, politischer Analyse, grotesken Wortverdrehereien, romantischen Chansons und launigen Zwiegesprächen. Dazu kommt ein grandioser Pianist mit Temperament und grenzüberschreitendem Programm.

Ein bisschen Unsicherheit bleibt. Kann dieses Duo die Fallhöhe für solch ein Niveau beliebig wiederholen? Jahrzehntelang, etwa alle zwei Jahre ein funkelnagelneues Top-Programm liefern? Nein, das geht nicht. Das muss immer weiter gesteigert werden, besser, schärfer, empörter, überraschender, mit kleinsten Gesten verziert und größten Aufschlägen wie mit Sahnecreme garniert, zuckrig und obstig, Torte und Kuchen in einem, kommt dieser Abend daher. Ein Fest, das 2018 mit dem Salzburger Stier prämiert wurde. Und sie leisten es sich, den ganzen Abend mit dem Neuen zu bestreiten, nur ein ganz klein bissel Best-of ist dem wehmütigen Zuschauer vergönnt, aber kein "Der Beck" oder gar "Heidegger", die Abräumer früherer Jahre.

Damit die Wünsche des Publikums im Zeitalter der digitalen Totalausforschung ausreichend berücksichtigt werden können, werden gleich zu Beginn (natürlich mit Einverständnis) "Cookies" verteilt. Cookies sind bei P & E aber englische Plätzchen aus der Blechdose zum Zugreifen, was Eichhorn nicht davon abhält, über den Abend die vermeintlichen Datenträger (nun im Magen der Besucher) zu befragen. Die Pigorsche Gesellschaftskritik bewegt sich nun zwischen Privatestem und Weltpolitik. Für die Anwandener hat Pigor einen Special Gag im Repertoire: er klebt sich riesige Koteletten an und fängt ohne Vorwarnung zu Toben an. Eine Publikumsbeschimpfung – das kann nur eine Egersdörfer-Parodie sein.

Benedikt Eichhorn, der wieder den glühenden Naiven gibt, hat ein Buch dabei, mit den drei Regeln, die jeden Tophit ausmachen. "Danceability" sei auf jeden Fall gegeben, behauptet Pigor – und macht es vor.

Nach der Pause, während Eichhorn ein furioses Intro gibt, kommt ein voll verhüllter Typ auf die Bühne. Dazu erklingt der Burka-Boogie-Woogie – und für die Diskussion über Verschleierung, religiöse Auswüchse und seltsame Gewohnheiten überhaupt besitzt Pigor eine pauschale Lösung: "Sich drüber lustig machen". 

Peter Budig

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