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NN-Forum zu Flächenfraß: "Wird nie genug Wohnraum geben"

Fürths Oberbürgermeister Jung spricht von einem "Kampf um die Flächen" - 15.09.2018 14:55 Uhr

Überall fordern immer mehr Menschen Gerechtigkeit auf dem Wohnungsmarkt. Doch der Sozialbau ist unrentabel. © Oliver Berg/dpa


Explodierende Mieten, fehlende Sozialwohnungen, mangelnde Konzepte zur Behebung der Wohnungsnot in unseren Städten - die Problematik treibt die Menschen um im Land. Das war beim NN-Talk in Fürth nicht nur an dem Häufchen von Linken abzulesen, die vor der Stadthalle für bezahlbare Wohnungen in Fürth protestierten. Das machten noch viel mehr die Wortbeiträge bei der von den beiden NN-Redakteuren Verena Litz (Wirtschaft) und Georg Körfgen (Region/Bayern) moderierten, mit rund 100 Gästen überrschend gut besuchten Diskussionsrunde deutlich.

Da prallen gegensätzliche Interessen aufeinander. Der Bedarf an Wohnungen steigt von Jahr zu Jahr. Ländliche Kommunen wollen mit günstigem Bauland um neue Bürger und Arbeitgeber buhlen. Landwirte sehen sich wegen des Flächenverbrauchs zunehmend ihrer Existenzgrundlage beraubt. Und Anlieger neuer Wohnbauprojekte fühlen sich von der Wucht der immer näherrückenden Bebauung schier erdrückt.

Was tun? Weitgehend einig waren sich alle Experten beim NN-Forum, dass es wenig Sinn macht, wenn Gemeinden angesichts des jetzt schon hohen Leerstands bei Gewerbeflächen in Bayern weiter unbegrenzt neue Gebiete für Handel und Handwerk auf der grünen Wiese ausweisen, wie das heute noch in Kollision mit den Interessen der Landwirtschaft geschieht.

Unter anderem Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung, Grünen-Landtagsabgeordneter Martin Stümpfig, Georg Körfgen und Verena Litz, Hannes B. Erhardt vom ESW und Michael Peter (von links nach rechts) diskutierten mit. © Hans-Joachim Winckler


Große Versäumnisse

Martin Stümpfig: Landtagsabgeordneter der Grünen, sieht da große Versäumnisse bei der Landesregierung, die dem Treiben der Kommunen zusehe, ohne einzugreifen. Der Grüne ist einer der Initiatoren des vorerst an Formfehlern gescheiterten Volksbegehrens gegen den Flächenfraß in Bayern und er hält es für notwendig, den konkurrierenden Städten und Gemeinden ein stückweit die Planungshoheit zu entziehen. Mit der von der Staatsregierung favorisierten Freiwilligkeit bei der Beschränkung komme man nicht mehr weiter. Nur durch "über-kommunale" Steuerung von oben könne man dem Ziel seiner Partei näherkommen, den täglichen Flächenverbrauch in Bayern auf fünf Hektar zu halbieren. Wie genau das aber landesweit geregelt und benötigte Flächen zugeteilt werden sollen, so musste der 48-jährige Feuchtwanger einräumen, "dafür haben wir auch noch kein Schema".

Aus seiner Sicht ist die Lösung des akuten Wohnungsmangels ohnehin nicht auf dem flachen Land zu suchen. "Wir werden sicher nicht mit Einfamilienhäusern unsere Wohnungsnot lindern können", gibt Stümpfig zu bedenken. Der "Kampf um die Flächen", wie es Fürths Oberbürgermeister Thomas Jung an anderer Stelle der Diskussion formulierte, muss nach Ansicht des Grünen-Politikers in den Ballungszentren stattfinden.

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Verdichtung als Lösung?

Doch wie soll das funktionieren, dort ist Bauland doch noch viel rarer? Die Bauwirtschaft hat da Ideen. "Verdichtung" nennt Michael Peter, der geschäftsführender Gesellschafter der P & P Gruppe mit Sitz in Fürth als Stichwort, also möglichst jede freie Brachfläche innerhalb der Städte zu nutzen. Oder die Verringerung der gesetzlichen Abstandsflächen zu den Nachbargrundstücken. "Wir müssen umdenken", fordert der Unternehmer und sinniert über Wohnbebauung von Brücken, denkt auf Nachfrage der Modertoren auch an die Aufstockung von Einkaufsmärkte zu Wohnzwecke und ähnliches.

Fürths Stadtoberhaupt warnt aber davor zu glauben, dass innovative Ideen und verdichtete Bebauung allein die Probleme lösen könnten. In den vergangenen zehn Jahren sind nach den Worten Jungs 15.000 Menschen neu nach Fürth gezogen, 7.000 zusätzliche Arbeitsplätze wurden geschaffen. "Das haben wir im Wesentlichen auf bestehenden Flächen und Baulücken bewältigt", sagt der SPD-Politiker, der gleichzeitig auch im Vorstand des Bayerischen Städtetags sitzt. Aber das stößt an Grenzen. Dieser Weg sei weitgehend ausgeschöpft, erklärt Jung. Fürth habe innerhalb des Flächennutzugsplans gerade noch 19 Hektar Wohnbaufläche, seien die aufgebraucht, "ist definitiv Schluss".

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Nie genug Wohnraum

Denn für den Kommunalpolitiker steht auch fest: Nicht alles darf sich dem immer höheren Druck der Wohnungsnachfrage beugen. "Es wird nie genug Wohnraum für alle geben. Wir müssen auf der anderen Seite aber auch dafür sorgen, dass Fürth eine lebenswerte, grüne Großstadt bleibt", sagt der OB und verspricht, niemals dem Beispiel anderer Großstädte zu folgen, die mittlerweile selbst ihre Schrebergärten opfern, nur um Wohnraum zu schaffen.

Lebensqualität - das war auch das Stichwort, mit dem Fürths Stadtoberhaupt den Nerv vieler Zuhörer beim NN-Forum in der Stadthalle traf. Sie machten in der Diskussion unmissverständlich klar, dass verdichtete und beengte Bebauung da an Grenzen stoßen muss, wo die berechtigten Interessen der Anwohner tangiert werden. "Ich fühle mich, als ob ich durch lautschallende Häuserschluchten auf ein hässliches Parkhaus schauen muss - von den in den Bauvorlagen skizzierten Grünflächen keine Spur", beschrieb eine Fürtherin ihr Unbehagen angesichts eines jüngst in ihrer direkten Nachbarschaft errichteten Wohnprojektes.

Vor allem die Wohnungswirtschaft sieht aber noch weitere Grenzen bei dem Bemühen, in kurzer Zeit deutlich mehr Wohnraum zu schaffen. Rund 400.000 Wohnungen fehlen derzeit in Bayern, schätzen Experten, 70.000 will die Staatsregierung jedes Jahr bauen, um den Notstand zu beseitigen.

"Nicht zu schaffen"

"Doch das ist gar nicht zu schaffen", fürchtet P & P- Chef Peter, der derzeit unter anderem gerade das Fürther City-Center saniert. Wer das fordere, sei "einfach unehrlich", dafür fehlten allein schon die Kapazitäten bei den Bauunternehmen, die längst an der Obergrenze produzierten.

Und es fehlten die Kapazitäten bei den Bau- und Grundbuchämtern, die seien "hoffnungslos überlastet", so der Unternehmer weiter. Fürth ist dafür ein gutes Beispiel. Wurden in der Kleeblattstadt noch vor sechs Jahren gerademal 150 Baugenehmigungen im Jahr eingereicht, so sind es heute 800, also fast das Sechsfache _ "ein Dilemma", wie OB Jung einräumen muss.

"Was wir brauchen, ist zudem mehr Planungssicherheit insbesondere beim geförderte Wohnungsbau", ergänzte Hannes B. Erhardt , Chef des bayernweit tätigen und sozial orientierten Evangelischen Siedlungswerkes. Angesichts von Planungszeiten bei großen Projekten von drei bis vier Jahren müsse sichergestellt sein, dass die zugesagten Fördermittel auch langfristig zur Verfügung stünden. Und genau das sei derzeit nicht der Fall. "Hätten wir diese Sicherheit", so appellierte Erhardt an die Landesregierung, "dann könnte die Bauwirtschaft auch mehr machen". 

won

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