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Mittwoch, 19.09.2018

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Notfälle auf dem Land: "Es war brenzlig bei uns"

"Helfer vor Ort" aus Großhabersdorf überbrücken die Zeit, bis der Notarzt kommt - 24.08.2018 12:00 Uhr

Das Kürzel HvO zwischen den Blaulichtern am Wagen steht für „Helfer vor Ort“: An ihrer Spitze stehen Dietmar Voigt, Jutta Linzmeier und Sonja Scheumann (rechts). © Foto: Pfrogner


Auf dem Land kann es dauern, bis der Notarzt kommt. Genau das war der Grund für Großhabersdorfs BRK-Bereitschaftsleiter Dietmar Voigt, seine Kollegin Sonja Scheumann und Bereitschaftsärztin Jutta Linzmeier Grund, die "Helfer vor Ort" zu gründen. In den vergangenen zehn Jahren sind die "Helfer vor Ort" in Großhabersdorf über 2000 Mal im Einsatz und einige Male die entscheidenden Minuten schneller als Notarzt oder Sanitäter vor Ort gewesen.

Schnelle Hilfe im Notfall war lange Zeit ein Glücksfall in Großhabersdorf. Wie beurteilen Sie die Situation heute?

Scheumann: Mein Schlüsselerlebnis war der Schlaganfall meines Großvaters. Damals habe ich mit ihm geschlagene 45 Minuten auf die Rettungskräfte gewartet. Mein Opa hat sich wieder erholt, hat allerdings sehr lange gebraucht. Im Nachhinein ist es müßig, darüber zu spekulieren, ob es weniger schlimm gewesen wäre, wenn früher Hilfe gekommen wäre. Doch es kann auch heute nach wie vor dauern, vor allem tagsüber, wenn die umliegenden Rettungswachen viel mit Krankentransporten beschäftigt sind. Aber jetzt sind ja wir ganz schnell vor Ort.

 

Man sollte meinen, mit der Rettungswache in Ammerndorf, die die Stationen in Zirndorf, Langenzenn und Stein im Herbst 2013 ergänzte, könnte sich die Situation entspannt haben?

Scheumann: Dass diese Wache überhaupt entstand, geht auf unsere Kappe. Denn erst mit unseren Einsätzen ist der Rettungsleitstelle aufgegangen, wie brenzlig es bei uns ist. Tatsächlich sind unsere Einsätze seitdem kontinuierlich auf unter 200 im Jahr zurückgegangen.

 

Wie ist Ihr ehrenamtlicher Einsatz organisiert?

Scheumann: Wir hatten anfangs über 25 Helfer vor Ort, heute sind wir noch ein Dutzend, aber das reicht, um die 24-Stunden-Bereitschaft zu organisieren. Wer das Einsatzfahrzeug hat, bei dem piepst es am Handy oder Funkmeldeempfänger. Er alarmiert seinen Partner und dann trifft man sich am Einsatzort.

 

In welchen Fällen werden Sie alarmiert?

Linzmeier: Das entscheidet die Rettungsleitstelle in Nürnberg, die anhand eines Fragenkatalogs abwägt, ob es eine lebensbedrohliche Situation ist, also tatsächlich Sanitäter und Notarzt nötig sind, oder vielleicht ein Krankentransport reichen würde. Aber es ist ein Ding der Unmöglichkeit, aus der Distanz eine Situation zu hundert Prozent korrekt einzuschätzen. So ist der Rettungsdienst oft auch unnötigerweise unterwegs. Da geht viel wertvolle Zeit verloren.

Voigt: Und andere, die dringender Hilfe bräuchten, hängen in der Warteschleife fest, wie wir von vielen Leuten hören. Aber uns kann man auch direkt anrufen. Das ist der Vorteil am Dorf: Hier kennt jeder jeden. Dann fährt der Diensthabende hin und entscheidet, was zu tun ist. So werden auch unnötige Rettungseinsätze vermieden.

Linzmeier: Ganz entscheidend ist, wir sind auch noch da, wenn der Rettungsdienst schon wieder weg musste. Ob die Helfer fünf oder zehn Minuten länger brauchen, ist für Betroffene, die hilflos neben einem Verunglückten stehen, eine katastrophale Situation. Es beruhigt, wenn jemand kommt, Ordnung ins Chaos bringt und ihnen die Last der Verantwortung abnimmt. Wenn’s schnell gehen muss, werden wir immer gerufen. Und sind dann in der Regel auch vor dem Notarzt da.

 

Wie sieht es mit der Finanzierung aus? Erhalten Sie nach wie vor von niemanden Unterstützung für Ihr Engagement?

Scheumann: Leider nicht. Bei uns läuft alles ehrenamtlich. Angefangen haben wir mit einem alten Audi vom Fürther BRK-Kreisverband, der aus unerfindlichen Gründen immer wieder streikte, sodass wir ihn anschieben mussten. Da war bald klar: Wir brauchen ein neues Einsatzfahrzeug. So haben wir einen Förderverein gegründet und mit Unterstützung der Großhabersdorfer und einiger großer Firmenspenden einen neuen Audi anschaffen können. Heute haben wir in dem Verein unter meinem Vorsitz 500 Mitglieder, die uns mit ihren Beiträgen und Spenden unterstützen. Voll hinter uns steht die Gemeinde, die uns ebenso finanziell unterstützt.

 

Wie sieht es mit der Zukunft aus, ist der Fortbestand der Helfer vor Ort gesichert?

Scheumann: Garantiert. Beim Kreisjugend-Wettbewerb kürzlich sind wir mit sechs Gruppen angetreten, für jede brauchte es zwei Betreuer. Das muss man als ein Verein Ehrenamtlicher erst mal leisten können. Mit der Technik und Ausrüstung der Feuerwehr können wir freilich nicht konkurrieren. Aber wie bereichernd das Gefühl des Gebrauchtwerdens ist, das kann man den Jugendlichen durchaus vermitteln.

 

Was ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Scheumann: Vergangenes Jahr haben meine Tochter Julia und ich ein Baby reanimiert. Die Mutter, die in unserer Straße wohnt, rannte zu uns, läutete an der Haustür, und sagte, ihr Kind atme nicht mehr. In der Zeit hatte die Oma schon mit der Wiederbelebung begonnen. Wir haben weitergemacht, bis der Hubschrauber kam.

 

Wie ging es Ihnen dabei?

Scheumann: Meine Tochter und ich waren danach heulend im Auto gesessen. Das war eine emotionale Achterbahn für uns. Aber das Kind lebt. Heute bekommen wir Fotos von ihr, sie hat jetzt das Laufen gelernt und bekommt ein Geschwisterchen. Das ist toll. Im Krankenhaus sagte der Arzt, das Baby hätte den plötzlichen Kindstod erlitten. Wir haben es zurückgeholt. Solch einen Einsatz vergisst man nicht. Und das Beste ist der dankbare Blick der Leute, genau deshalb mach’ ich das.

Das BRK Großhabersdorf feiert am Samstag, 25. August, von 9 bis 19 Uhr, in der Pfarrscheune das Zehnjährige der "HvO". Neben einem Wiederbelebungsmarathon gibt es einen Weißwurstfrühschoppen (9- 12 Uhr), Kaffee und Kuchen (ab 13 Uhr), ein Gastspiel des Musikzugs (18.30 Uhr) und Gegrilltes von der FFW. Den Schlusspunkt setzt die Blaulichtparty, die das Jugend-Rotkreuz organisiert (21 Uhr). 

Interview: Sabine Dietz

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