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Freitag, 20.07.2018

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NSU: Birgit Mair über das Urteil und ihre Ausstellung

Nach Ansicht der Rechtsextremismus-Expertin müssen weitere Anklagen folgen - 12.07.2018 15:00 Uhr

In München war am Mittwochmorgen der Prozess gegen den rechtsterroristischen NSU mit Schuldsprüchen zu Ende gegangen. Viele waren danach nicht mit der Aufklärung zufrieden und gingen auf die Straße. © Lino Mirgeler/dpa


Ans Ende dieses bedeutenden Prozesses hat das Fürther Bündnis gegen Rechtsextremismus und Rassismus einen Beginn gesetzt: Seit gestern kann im HLG die Wanderausstellung „Die Opfer des NSU und die Aufarbeitung der Verbrechen“ besichtigt werden. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialistischen Untergrund und seinen Unterstützern dürfe jetzt nicht enden, viele Fragen seien noch offen, sagt das Bündnis.

Auch für Birgit Mair, die Ausstellungsmacherin, ist vieles noch zu klären. „Es müssen weitere Neonazis vor Gericht kommen.“ Der NSU sei keine kleine Terrorzelle gewesen, sondern ein Netzwerk. Gegen neun mutmaßliche Helfer werde bereits ermittelt. „Was wird daraus?“, fragt sich Mair. Was ist mit den neonazistischen V-Leuten, die im Umfeld der Angeklagten agierten? Wer hat die Tatorte ausspioniert, warum wurden diese Opfer ausgewählt?

Hier stehen die Opfer im Mittelpunkt: Das Bündnis gegen Rechts hat die Wanderausstellung ins Fürther Helene-Lange-Gymnasium geholt. © Edgar Pfrogner


Die Opfer hat Mair seit langem besonders im Blick. Rasch, nachdem 2011 bekannt wurde, wie der NSU gewütet hatte, wurde die Sozialwirtin des Nürnberger Instituts für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung (ISFBB), die als Rechtsextremismus-Expertin gilt, mit Medienanfragen konfrontiert. Bald gewann sie den Eindruck, dass die Täter im Mittelpunkt stehen und über die Opfer kaum berichtet wurde. Da habe sie beschlossen, ihnen Raum in einer Ausstellung zu geben. „Eineinhalb Jahre später war sie fertig.“ Vor kurzem wurde sie aktualisiert.

Mehr als 90 Menschen sind von den Verbrechen betroffen, sagt Mair. Zehn wurden ermordet, andere haben Anschläge des NSU psychisch oder physisch verletzt überlebt oder engste Familienmitglieder verloren. Mit manchen der Angehörigen hat Mair gesprochen. Etwa 30 Mal war sie in diesem langen, über fünf Jahre dauernden Prozess auch selbst als Zuschauerin im Gerichtssaal. Vor allem in der letzten Phase, als die Angehörigen gesprochen haben. Sie hat beobachtet, wie Beate Zschäpe sich inszenierte, und fand es bedauerlich, dass sich die mediale Aufmerksamkeit oft auf ihre Person konzentriert habe. „Genützt hat es ihr nichts“, sagt Mair.

Die Urteile, die am Mittwoch verkündet wurden, findet sie „bis auf eins alle in Ordnung“: Dass André E., ein bekennender Neonazi, nur zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde und damit eine geringere Strafe bekam als Carsten S., der zur Aufklärung beigetragen habe, sei nicht nachvollziehbar und leider ein „Signal in die Szene“, das falsche Signal. Neonazis im Saal applaudierten denn auch, als das milde Strafmaß verhängt wurde.

Bei dem Moment, der Birgit Mair während des Prozesses am meisten bewegt hatte, war es indes mucksmäuschenstill: Elif Kubasik sprach, die Ehefrau von Mehmet Kubasik, der in Dortmund ermordet wurde. Ihre Tochter Gamze war an ihrer Seite. Sie erzählten von ihrem Leid, aber auch davon, dass sie zu diesem Land gehören, dass sie hier weiterleben werden – aber nicht jeden Tag das Gefühl haben wollen, auf der Straße weitere Täter zu treffen.

Die Ausstellung ist bis 25. Juli montags bis donnerstags von 15 bis 18 Uhr zugänglich. Schulen können sie vormittags besuchen und eine Führung durch Schülercoaches der Ullstein-Realschule in Anspruch nehmen (Anmeldung: anja.schmailzl@web.de). Am Dienstag, 17. Juli, 18.30 Uhr sprechen hier Birgit Mair und ein Überlebender des NSU-Bombenattentats in Nürnberg.

  

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