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Nürnberger Prozesse: Dolmetscher leisteten wichtige Arbeit

Amtsgericht Fürth präsentiert Fotoausstellung - Justizminister vor Ort - 23.05.2014 16:00 Uhr

Bilder der Geburtsstunde des Simultanübersetzens bei den Nürnberger Prozessen: Amtsgerichtsdirektor Walter Groß (v. li.), Andrea Balzer vom Dolmetscherverband, Klaus Kastner und Theodoros Radisoglou vor Fotos von Ray d‘Addario. © Hans-Joachim Winckler


Man kennt die Bilder und staunt doch immer wieder: der riesig wirkende und doch vollgestopfte Saal, dem man aus Platzgründen eine Wand herausgebrochen hatte; der selbstsicher wirkende Angeklagte, namentlich Göring; verbitterte Gesichter von Zeugen; Techniker mit Kopfhörern und Sekretärinnen, die knöcheltief in Papierstapeln waten.

Ein Prozess mit 24 Angeklagten, 24 Verteidigern, acht Richtern, und geführt in vier Sprachen. Der erste Nürnberger Prozess war eine justizielle Mammutveranstaltung, die sich über Jahre hätte erstrecken müssen. Tatsächlich dauerte er ein knappes Jahr, vom 20. November 1945 bis zum 1. Oktober 1946.

Auch die Anklageschrift war gerade mal hundert Seiten stark, "verglichen mit dem NSU-Prozess nur ein dünnes Heftchen", wie Klaus Kastner, ehemaliger Präsident des Landgerichts Nürnberg-Fürth, in seinem Vortrag zum Start der Ausstellung des Bundesverbands der Dolmetscher und Übersetzer (BDU) meinte. Dass der Prozess mit zwölf Todesurteilen, sieben langjährigen Haftstrafen und drei Freisprüchen so schnell über die Bühne ging, ist auch und gerade das Verdienst der Dolmetscher und Übersetzer. Der Unterschied: Während ein Übersetzer Schriftstücke in andere Sprachen überträgt und sich dabei relativ Zeit lassen und auch mal im Wörterbuch nachschlagen kann, muss ein Dolmetscher unmittelbar in der Gesprächssituation vermitteln, obendrein auf Redewendungen, Wortschablonen und Gestikulation achten.

Der Nürnberger Prozess war der erste Prozess mit Simultanübersetzung. Während der Angeklagte auf Deutsch sprach, übersetzten Dolmetscher mit Kopfhörern in Glaskabinen die Aussage ins Englische, Französische und Russische. "Die Frage lautete damals: Ist das Gehirn dazu überhaupt in der Lage? Zuhören und Übersetzen zugleich? Fürs Gehirn ist das Hochleistungssport", sagt einer, der es wissen muss. Theodoros Radisoglou ist selbst Dolmetscher bei Gericht und referierte zur Einführung in die Ausstellung über die historische Dimension des Prozesses für die Dolmetscher.

Der neue bayerische Justizminister Winfried Bausback war gestern zu Besuch. © Giulia Iannicelli


Deren Wert wusste kein Geringerer als Hermann Göring zu schätzen. "Ich brauche keinen Rechtsanwalt, ich brauche einen richtig guten Dolmetscher", tönte damals der oberste Chef der Luftwaffe. In der Tat hatte sich Göring von seinen Drogenexzessen erholt, lief im Prozess zu Hochform auf, verteidigte sich eloquent – und nutzte gnadenlos jeden Übersetzungsfehler zu seinen Gunsten aus. So entschied er gleich das erste Duell gegen Chefankläger Robert Jackson für sich, indem er statt über die "Befreiung des Rheinlands" über die "Befreiung des Rheins" wasserwachtsmäßig dozierte – die Dolmetscher hatten das Rheinland und den Rheinstrom gleichgesetzt. Wenn Göring etwas gegen den Strich ging, so riss er sich den Kopfhörer herunter und tobte: "Alles Quatsch, alles Propaganda!". NS-Chefideologe Alfred Rosenberg, des Russischen mächtig, fiel jedes Mal, wenn er einen Dolmetscher bei einem Fehler zu ertappen meinte, diesem ins Wort.

Und dann gab es natürlich Eigentümlichkeiten der Diktion bei allen Parteien. Der Angeklagte Fritz Sauckel – verantwortlich für die Deportation von Millionen Menschen – sprach dermaßen lange, verschachtelte Sätze und setzte Pausen, wo keine hingehörten, dass die Dolmetscher der Verzweiflung nahe waren. Nicht zu vergessen: In deutschen Schachtelsätzen steht das Verb erst ganz am Schluss, im Gegensatz zu anderen Sprachen. Umgekehrt legten sich Ankläger und Rechtsanwälte dermaßen ins Zeug, dass die Dolmetscher dem Redefluss nur mühsam zu folgen vermochten. Für diese Zwecke waren an den Pulten zwei Lampen angebracht: Glühte die gelbe Birne, hieß das "langsamer sprechen"; die rote Birne signalisierte: "Stopp! Es geht nicht mehr."

Wie lange hätte sich der Nürnberger Prozess ohne die Simultanübersetzung erstreckt? "Er wäre nie zu Ende gegangen", mutmaßt Radisoglou. "Er wäre in den Kalten Krieg hineingeraten, und Amerikaner und Russen hätten nicht mehr miteinander gesprochen, selbst mit Dolmetschern nicht mehr."

Die Ausstellung ist bis 11. Juli zu sehen. Mo. – Do. von 8 bis 15.15 Uhr, Fr. von 8 bis 12 Uhr. Führungen nach Vereinbarung  

Reinhard Kalb (Fürther Nachrichten)

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