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Oberasbach: Als der Stift über die Schiefertafel kratzte

Wie war das früher in der Schule ? — Erzählcafé lässt Erinnerungen aufleben - 07.10.2017 09:00 Uhr

Schiefertafel und Abakus: Als diese Generation in Schule kam, waren das die normalen Utensilien, um Schreiben und Rechnen zu lernen. Zuckertüten gab es damals allerdings nicht für jeden der Abc–Schützen. © Foto: Zeleda


Jünger als 80 Jahre ist kaum eine der Frauen oder einer der Männer im B-I-T gleich hinterm Rathaus. Und genau das führte dazu, dass sich die Luft im Erzählcafé an diesem Tag schnell mit der Essenz von weit über 700 Jahren Lebenserfahrung füllte. Während sahniger Bienenstich und frischer Apfelkuchen den Mägen schmeichelten und heißer Kaffee sowie dampfender Tee von innen wärmten, ließen die Erzählungen von früher die Gedanken schweifen und blieben im Gedächtnis hängen. Das Thema des Treffs: "Von der Einschulung bis zum Berufsleben."

Aloisia Ludwig (77) hatte dazu einen bestens erhaltenen Lederschulranzen aus den 1950er-Jahren mitgebracht. Auch die alte Schiefertafel aus ihrem Fundus sorgte für freudige Nostalgie: "Das hat immer so gekratzt, wenn man den Stift schräg aufgesetzt hat", meint Helga Klecker (82) lächelnd, während der dazu passende Tafelschoner herumgereicht wurde. Kein Vergleich zu Heften oder Tablets — den Schreibgeräten der heutigen Jugend.

Und tatsächlich drängte sich schnell der Vergleich mit dem aktuellen Schulalltag auf: "Die Kinder heutzutage haben es einfach. Die gehen aus dem Haus und sind mit dem Bus in zehn Minuten in der Schule", bemerkte Franz Gessl (86). Das klang oberflächlich nach klischeehafter Nörgelei, doch darum ging es ihm nicht. Es schwang Zufriedenheit in seiner Stimme mit. Es ist gut, dass die Enkel und Urenkel in vielerlei Hinsicht weniger Sorgen haben. Denn eines darf nicht vergessen werden: Auch wenn die von Aloisia Ludwig mitgebrachten Schiefertäfelchen und Griffel, Abaki — Rechenschieber mit Kugeln — und Poesiealben am Tisch für selige Erinnerungen sorgten, so war die Schulzeit im Nachkriegsdeutschland für die friedlich beisammensitzende Kaffeegemeinschaft kein Zuckerschlecken.

Statt wie heutzutage auf dem Heimweg mit dem Smartphone zu spielen, schulterten manche Anwesenden damals nach dem letzten Schulgong einen leeren Sack, um sich auf den Äckern Kartoffeln für den knurrenden Magen zusammenzuklauen. "Wenn ich von der Schule heimgekommen bin und gefragt habe, was es zu essen gibt, dann hat die Mama gesagt, ‚ich weiß es nicht, wir haben nichts mehr.‘ Dann ging es auf die Wiese und wir mussten Sauerampfer und Zuckerblumen besorgen", erinnert sich Aloisia Ludwig.

Sonja Wellhöfer (84) denkt an ein prägendes Ereignis zur Einführung der D-Mark zurück, als das Essen nicht mehr so knapp war und man endlich wieder Geld statt Lebensmittelmarken nutzen konnte: "Ich wollte eine Wurstsemmel für 35 Pfennig kaufen, hatte aber kein Geld dabei. Da bin ich nach Hause gegangen und meine Mutter hat mir das Geld gegeben. Auf der Semmel war Rohwurst und ein Stückchen Gurke. Ich hab’ nie mehr im ganzen Leben so eine gute Rohwurst gegessen!"

Zitate aus dem Poesiealbum

Wie ihre Vorredner blickt sie mit wachen Augen in die Runde und spricht mit fester Stimme von kleinen Freuden und großen Leiden in der Schulzeit. Dieses Leid bleibt dem aufmerksamen Auge selbst dann nicht verborgen, wenn es in den bunten Poesiealben der damaligen Zeit schweift. Auch wenn die Hoffnung stets herauszulesen ist, wie bei den Zeilen des Lyrikers Cäsar Flaischlen, die ein Kind 1947 zitierte: "Hab Sonne im Herzen, ob’s stürmt oder schneit, ob der Himmel voll Wolken, die Erde voll Streit! Hab Sonne im Herzen, dann komme, was mag; das leuchtet voll Licht dir den dunkelsten Tag!"

Als die Gesellschaft sich auflöst und die Kuchenteller gewaschen und wieder hübsch aufgereiht im Schrank stehen, trennen sich die Wege der Senioren. Der Abend naht, es war ein schöner Nachmittag im Erzählcafé. 

SEBASTIAN ZELADA

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