Samstag, 17.11.2018

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Oberasbacher Erzählcafé : Was ist eigentlich ein B’scheißerla?

Sparsam, aber schick: Im Erzählcafé dreht sich alles um Mode - 02.04.2018 10:00 Uhr

Schick wollten die Menschen vor 60 Jahren schon sein, auch wenn die finanziellen Mittel und die Auswahl begrenzt waren. Selbst Modeschmuck kostete oft mehr als einen Monatslohn. © Foto: Florian Burghardt


"Man hatte damals, vor 50 oder 60 Jahren, nicht viel gute Kleidung", erinnert sich einer der ältesten Teilnehmer der Gesprächsrunde. Und weiter: "Wenn jemand gestorben ist, dann hat man ihn für den offenen Sarg meistens nochmal in seinen Hochzeitsanzug gesteckt."

Vermutlich haben viele Männer auch heutzutage keine zwei Anzüge im Schrank. Doch ein bezahlbarer Zweiteiler wäre im Notfall sicher schnell beschafft. Dass so etwas früher nicht möglich war, dass sich die jungen Leute heute generell nicht mehr schick anziehen und um viele weitere Themen rund um die Mode ging es in den Räumen des Bürger-Info-Treffs (B-I-T).

Konkret steht das Erzählcafé bei seiner jüngsten Auflage unter dem Motto "Herausgeputzt und ausstaffiert: Schmuck, Hüte, B’scheißerla, Kostüme und Co". Im mittlerweile gewohnten Zweimonatsrhythmus hatte das Oberasbacher Quartiersmanagement der Diakonie Fürth auch im Februar wieder eingeladen.

Der Einsamkeit entfliehen

"In einem Erzählcafé können Frauen und Männer, die auf ein ereignisreiches Leben zurückblicken, ihre Erinnerungen und Erfahrungen mit anderen Menschen aller Altersgruppen teilen. So entstehen Räume des Erzählens, des Zuhörens, der Begegnung und Gemeinschaft" – so beschreibt die Stadt Oberasbach das vor rund 14 Monaten gestartete Angebot.

Rund 20 Senioren kommen im Schnitt zu den Veranstaltungen. Organisiert und moderiert werden die Gesprächsrunden seit Oktober von Maria Fröhlich. Die studierte Pädagogin ist neu beim Oberasbacher Quartiersmanagement und vertritt derzeit die Initiatorin des Projekts, Renate Schwarz.

Männer und der Schmuck

Überraschend oft melden sich beim Thema Schmuck und Mode die männlichen Gäste zu Wort. Einer sagt: "Schmuck hatten wir eigentlich gar keinen. Nur zur Konfirmation gab es eine Taschenuhr vom Patenonkel. Davor und danach nichts mehr." Ein anderer ergänzt: "Schmuck und teure Klamotten, das war etwas für die obere Hälfte der Bevölkerung. Meine Mutter hatte zwei kleine Kinder und die Landwirtschaft. Die brauchte keinen Schmuck, die hatte Arbeit."

Aber auch die Frauen erinnern sich. "Wir mussten früh lernen, dass nicht alles im Überfluss vorhanden war. Für meine Konfirmation im Jahr 1947 mussten wir meine Puppenküche bei der Tauschbörse abgeben. Zur Auswahl stand nur ein einziges Kleid. Das war halt so", berichtet eine Teilnehmerin.

Obwohl heute aber die Auswahl so groß ist, ziehen sich die jungen Menschen nicht mehr anständig an, zum Beispiel für den Besuch im Theater, meinen einige der Senioren. Andere entgegnen: "Warum sollten sie auch? Es besteht ja kein Zwang mehr. Heute wird man ins Theater auch in Jeans reingelassen."

Doch nicht nur die Auswahl macht es, auch die Preise sind laut den Senioren verhältnismäßig viel niedriger. Für gut gemachten Modeschmuck bezahlte man seinerzeit etwa 150 D-Mark. "Ich habe als ausgelernte Kraft damals 165 D-Mark im Monat verdient. Da kann jeder mal überlegen, wie lange ich für eine Brosche gespart habe", erzählt eine der Damen in der Runde. Haben wollte sie diese dann doch unbedingt und sie habe sich sogar zu einer Ratenzahlung überreden lassen.

Dafür, dass nicht nur erzählt wird von den Schmuck- und Modetrends aus der Mitte des letzten Jahrhunderts, hat an diesem Nachmittag Luise Ludwig gesorgt. Die leidenschaftliche Sammlerin hat einige private Stücke auf den Tischen im B-I-T ausgelegt. Ketten, Broschen, Hüte – und B’scheißerla. Was sich hinter dem Begriff verbirgt, der sogar bei zwei Urfranken aus der Runde für Fragezeichen sorgt, wurde auch sogleich aufgeklärt.

Aufwendig gearbeitet

Bei den B’scheißerla handelt es sich um Textileinlagen, die unter Sakko oder Blazer getragen werden, ähnlich einem Latz. Sie sind aufwendig gemacht, etwa mit Rüschen oder einer edlen Knopfleiste und gaukeln somit ein schickes Kleidungsstück vor – bescheißen also den Betrachter. Eine der Teilnehmerinnen bringt es auf den Punkt: "Auch, wenn man damals nicht viel hatte. Gut aussehen wollten wir trotzdem."

Das nächste Oberasbacher Erzählcafé soll am 8. April stattfinden. Das Thema ist noch offen. 

Florian Burghardt

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