Montag, 24.09.2018

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Ohren gespitzt: Wenn Bleistifte erzählen könnten

Sandra Suppa von Faber-Castell über Rekorde, Forscher und einen Kunstraub - 30.03.2018 16:00 Uhr

Im Bleistiftzimmer, ganz aus den legendären grünen Klassikern des Unternehmens Faber-Castell gebaut, sitzt Sandra Suppa, Pressesprecherin des Unternehmens. © Foto: Anna Seibel


Frau Suppa, ist angesichts von Laptop und Smartphone der Bleistift nicht hoffnungslos ins Hintertreffen geraten?

Sandra Suppa: Wir können uns über die Nachfrage nach holzgefassten Stiften nicht beschweren, im Gegenteil. Der Bleistift hat besonders bei Kindern und Künstlern eine hohe Bedeutung, er ist das Werkzeug zur kreativen Entfaltung. Das wird sich auch in Zeiten der Digitalisierung so schnell nicht ändern.

Nun beschäftigt sich sogar die renommierte Harvard-Universität mit dem Thema Bleistift…

Suppa: Der Wirtschaftsprofessor Ryan Raffaelli analysiert die Strategien von Unternehmen, die traditionelle Produkte vermarkten, zum Beispiel die Schweizer Uhrenindustrie, unabhängige US-Buchhandlungen oder einen erfolgreichen Markenhersteller von Notizbüchern: Wie schaffen diese es, im digitalen Zeitalter relevant zu bleiben? Seit kurzem lehrt er seinen MBA-Studenten auch das Erfolgsbeispiel Faber-Castell.

Und was sagt der Havard-Professor speziell über Faber-Castell?

Suppa: Das Unternehmen hat in seiner langen Geschichte wiederholt vor existentiellen Bedrohungen gestanden, aber immer wieder neue Vermarktungsmöglichkeiten für sein Kernprodukt gefunden. Als etwa das bedeutende Geschäft mit den Rechenschiebern durch die Erfindung des Taschenrechners zusammenbrach, setzte das Unternehmen auf eine neue Sparte – Kosmetik-Stifte. Und später, als CAD-Programme das technische Zeichnen revolutionierten, konzentrierte sich Faber-Castell auf neue Zielgruppen und Naturprodukte: zum Beispiel mit dem Ausbau eines ökologischen Stifte-Sortiments für Kinder und Hobbykünstler. Professor Raffaelli betont, dass es unternehmerischen Mut erfordere, an Traditionen festzuhalten und sich gleichzeitig innovativ weiterzuentwickeln.

Der Bleistift gilt als Alleskönner. Mit ihm kann man weiterschreiben, auch ohne Steckdose oder Ersatzakku. Doch sein Nachteil: Er wird stumpf.

Suppa: Das Spitzen eines Bleistifts wird von den wahren Liebhabern geradezu zelebriert. Worauf es dabei ankommt, erklärt der nahe New York lebende Cartoonist David Rees in dem Kultbuch "Die Kunst, einen Bleistift zu spitzen": Immer mit der Hand, nie elektrisch. Er übernimmt diesen Spitz-Service gegen eine gepfefferte Gebühr auch für seine Kunden und schickt die Stifte inklusive Spänen und dem Zertifikat "Vorsicht, gefährlich spitz" zurück. (Anmerkung der Redaktion: Unter dem Link artisanalpencilsharpening.com gibt es mehr Informationen).

Der Bleistift ist sogar in die Modesprache eingegangen. Es gibt den Klassiker: den schmalen Bleistiftrock. War Faber-Castell Taufpate?

Suppa: Nein, das war Christian Dior, der in den 1950er Jahren den figurbetonenden "pencil skirt" der Modewelt präsentierte. Dessen Besonderheit: Mit einer kleinen Falte sorgt der Rock für Beinfreiheit, so dass Frau auch mit schmaler Silhouette schneller vorwärtskommt.

Gibt es Stifte aus dem Faber-Castelll’schen Haus, die als Rekordhalter gelten?

Suppa: Oh ja – einige! Wir besitzen den ältesten Bleistift der Welt aus dem 17. Jahrhundert, den teuersten für 10.000 Euro, den größten mit einer Höhe von knapp 20 Metern und viele mehr. Der Stift, der am weitesten gereist ist, ist der "Twice" – ein Kombi-Stift aus Druckbleistift und Kugelschreiber: Mitgenommen hat ihn der italienische Astronaut Paolo Nespoli bei seinem Einsatz auf der Weltraumstation ISS. Weil auch im All ständig Notizen gemacht werden müssen, brauchen die Astronauten ein Gerät, das auch in der Schwerelosigkeit gut funktioniert und in jeder Position schreibfähig ist. Wie gesagt – der Bleistift ist eben ein Alleskönner.

Faber-Castell Bleistifte sollen sogar Gegenstand eines Kunstraubes gewesen sein – was war da los?

Suppa: Aus der berühmten "Pharmacy"-Installation des britischen Künstlers Damien Hirst wurden im Tate-Museum in London historische Faber-Castell-Bleistifte "Mongol 482" stibitzt. Der Dieb, ein 17-jähriger Graffitti-Künstler namens Cartrain, wollte sich damit an Damien Hirst wegen eines Rechtsstreits rächen und verlangte für das Stifte-Päckchen Lösegeld, andernfalls drohte er mit dem Anspitzen der Stifte. Hirst hingegen klagte auf 500.000 Pfund Schadenersatz und begründete dies mit dem Seltenheitswert der Stifte. Am Ende haben sich die beiden dann doch noch geeinigt. Aber wir erhielten plötzlich jede Menge Anrufe von Menschen, die ihre alten Faber-Castell-Etuis schätzen lassen wollten.

Und womit schreiben Sie?

Suppa: Natürlich mit dem grünen Klassiker: Castell 9000, Härtegrad 2B. Mit dem Stift wurde übrigens sogar der niedliche Außerirdische E.T. einst "geboren". 

Interview: Beate Dietz

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