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"Panic Room": Abgründe des braven Bürgers im Kufo

Konfrontation mit Angst und Mut in größtenteils starken Bildern sorgt für Grusel - 14.07.2018 15:42 Uhr

Szenarien der Bedrohung und Befreiung: Die Mitglieder der Stadttheater-Bürgerbühne gehen hochkonzentriert und fokussiert zu Werke. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Wo fühlt der Mensch sich am sichersten? Bis zu einem gewissen Alter auf dem Schoß von Mama. Und danach? Im Bett vielleicht, im Auto. Mitnichten aber im Keller oder in einer geschlossenen Kammer. Die Amerikaner haben in ihrer Angst vor Einbrechern den "Panic Room" erfunden, der seinerseits in den Atombunkern für jedermann aus den fünfziger Jahren wurzelt. Der gepanzerte Rückzugsort, in dem der Hausherr auf das Eintreffen der Polizei wartet.

Doch der Begriff "Panic Room" ist ein Paradox: Statt Sicherheit suggeriert er Angst, denn gleichzeitig ist der Raum eine Falle, in der die Angst den Flüchtling voll im Griff hat. Ganz wunderbar illustriert das ein gleichnamiger Thriller mit Jodie Foster, denn in deren Panic Room ist ein Vermögen versteckt, und genau diesen Bunker wollen die Gangster knacken.

Zwar wartet die Tanztheaterperformance des Stadttheaters mit Teilnehmern der Recherchegruppe und der Performance-Werkstatt nicht mit Einbrechern auf, wohl aber mit maskierten Herren unterm Bowler-Hut und im Geschäftsanzug. Es ist der brave Bürger, wie man ihn aus den Gemälden des belgischen Surrealisten René Magritte kennt. Der uniforme Mensch, ohne markante Gesichtszüge, ohne Individualität, ohne Gefühlsregung. Die Person ohne Eigenschaften schlechthin. Das stille Schreckgespenst des 20. Jahrhunderts.

Diesem Gespenst gegenüber steht ein gutes Dutzend an Tänzerinnen und Tänzern, allesamt dem besten Ballett-Alter entwachsen, gezeichnet von der Zahl der Jahre, jedes einzelne Gesicht ein beeindruckend offenes Buch mit seiner eigenen Geschichte. Sie verlassen ihre Zellen und bewegen sich zwischen den Säulen des großen Kufo-Saales. Auf Kommando einer Trainerin verziehen sie ihr Gesicht zur Maske, zu Edvard Munchs Schreckensikone "Der Schrei".

Flucht durch den Raum

Sie bezwingen einzeln oder in Gruppen imaginäre Feinde, wuseln in wohldurchdachter Choreografie mit diversen Fluchtbewegungen durch den Raum. Sie kriechen, schleichen, tappen auf Zehenspitzen, rennen im Kreise. Doch vor wem rennen sie davon? Die Angsteinflößer bleiben unsichtbar, nur hin und wieder taucht der Magritte’sche Aktenkofferträger als Chiffre der Normierung auf.

Doch dieser Abend wartet mit noch weiteren Szenarien als denen der akuten Bedrohung auf. Da ist etwa die Angst vor dem Misslingen (in Gestalt eines Balance-Akts), die Angst vor einem scheiternden Rendezvous, die Furcht vor dem männlichen Übergriff, vor der weiblichen Zurückweisung. All dies bewirkt eine "Vergegnung", wie Martin Buber das so treffend ausgedrückt hat.

Ein anderes Bild zeigt die Furcht vor der eingeschlafenen Liebe. Zu einem bittersüßen Chanson kriechen Männer auf allen Vieren über den Boden und tragen ihre schlummernden und klammernden Gefährtinnen auf dem Rücken. Überhaupt, die Musik: Sie mischt Chanson, Flamenco, klassisches Cello-Raunen und synthetisch dräuende Klangwolken allzu beliebig durcheinander, während die Bildprojektion Visionen von Weite, vom offenen Meer, vom Sternenhimmel oder Wolkenstrudeln an die Wand zaubert. Anheimelnd, einladend wirkt keines dieser Panoramen, eher wie ein Experimentierlabor für seelische Zustände.

Der lähmenden Furcht, dessen Kehrseite der Mut ist, erwehren sich die Tänzer mit Gesten der Aggressivität, aber auch mit Ausdrücken purer Lebensfreude. Am Ende steht die finale Konfrontation, der langsame, unaufhaltsame Gang der Protagonisten hin zum Publikum. Jetzt erscheinen die geschüttelten Opfer als Angstmacher. Hoffentlich bleiben die noch rechtzeitig vor der ersten Reihe stehen.

"Panic Room": Kulturforum (Würzburger Straße 2). Zum letzten Mal diesen Samstag (20 Uhr) und Sonntag (17 Uhr). Karten an der Kufo-Kasse. 

REINHARD KALB

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