Freitag, 15.02.2019

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Schauplatz der Gesichtsverluste

Lars Herrmann und Akbar Akbarpour im Art-Galerieladen - 03.06.2014 10:00 Uhr

Galerist Manfred Edler (Mitte) mit den Künstlern Akbar Akbarpour (li., von dem das Gemälde rechts stammt, und Lars Herrmann. © Hans-Joachim Winckler


Alraunen waren unseren Vorfahren höchst unheimlich, da sie menschenähnliche Gestalt aufweisen. Ähnlich ist es aber auch mit Weiden bestellt, namentlich mit den Weiden im Aischgrund. In der sumpfigen Landschaft um Uehlfeld herum ist Lars Herrmann zuhause. Seine Weiden wirken bei aller Knorrigkeit, trotz aller Risse und Schrunden wie menschliche Torsi oder Ansammlungen von Körperteilen, Schenkeln, Wulsten und Gelenken.

Damit nicht genug, appliziert Herrmann an seine Bäume weitere Organe. Glotzende Augen, klaffende Münder, die miteinander die Plätze in der Physiognomie tauschen. Gedörrte Fische und Sprotten gesellen sich dazu, außerdem kugelige Architekturen, die wie Wespennester oder Augen im Gezweig nisten. Gelegentlich tauschen Oben und Unten den Platz, und der Betrachter gerät in Versuchung, sich auf den Kopf zu stellen.

Eigentlich stammt Lars Herrmann aus dem Erzgebirge, aber 1993 hat es den heute 43-Jährigen nach Franken verschlagen. Seine Bäume zeichnet er mit dem Kugelschreiber. Doch wirken seine filigranen Zeichnungen und Schraffuren eher wie Radierungen. Zu der Anmutung des Altertümlichen trägt die gelbliche Farbe des Papiers bei, das Herrmann zuvor einem Beizbad unterzieht. So kommen seine Grafiken wie Relikte aus dem Papierkorb eines imaginären Saufgelages zwischen Hieronymus Bosch und Giovanni Battista Piranesi daher.

Ganz anders geht im Raum nebenan Akbar Akbarpour vor. Der in Fürth lebende Perser, Jahrgang 1963 und einer der bekanntesten Protagonisten der hiesigen Szene, kommt zwar vom Realismus und der Aktmalerei, doch in den vergangenen 20 Jahren reizte ihn die Reduktion immer mehr. In seinen Ölgemälden verliert der Mensch sein Gesicht im wahrsten Sinn des Wortes. Anstelle einer Visage bleiben leere Farbflächen, wirken die Figuren trotz massiven Auftrags der Ölfarbe verhuscht, schemenhaft. Dafür gewinnen Accessoires wie das Kopftuch an Bedeutung. So zeigt ein Ensemble von neun Bildern Frauenköpfe im Profil, im verlorenem Profil und von hinten. Statt des Gesichts dominiert das Kopftuch in immer wieder anderen Farbstreifen und Verknotungen.

Eine weitere Serie präsentiert ein tanzendes Paar, obwohl der Betrachter viel Assoziationsfähigkeit benötigt. Könnte es auch eine Frau sein, der der Wind die Röcke bauscht? Nein, das ist doch ein Paar. Nur dass die Frau in verschiedenen Schräglagen sich am Tanzpartner anlehnt bzw. hinabrutscht. Und das in immer wieder verschiedenen Farbgebungen und Farbschichtungen. An manchen Stellen trägt Akbar Akbarpour die Farbmassen zentimeterdick auf, schichtet die Ölpaste zu Agglomerationen und Kringelgebirgen.

Art-Galerieladen und Kunstschaufenster, City-Center. Donnerstags, freitags und samstags ab 14 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel. (01 74) 4 58 76 77. Bis 28. Juni. 

REINHARD KALB

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