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Schule des Sehens

Susanne Habermanns fotorealistische Bilder - 20.06.2018 18:00 Uhr

Mit ihren akuraten Zeichnungen bietet die Künstlerin der Bilderflut Paroli. © Foto: Thomas Scherer


Rot und saftig hängt sie da an der Wand, die runde Erdbeere frisch aus dem Knoblauchsland. Ein richtig plastisches Früchtchen mit gelben Punkten, mit vielen Nuancen und Schattierungen. Trotz der warmen Farbe strahlt die Erdbeere feuchte Kühle aus, das Licht reflektiert auf ihrer Oberfläche und den grünen Stielblättern. Am liebsten möchte man reinbeißen, aber da hat schon jemand vor uns gekostet. "Erdbeere mit Biss" heißt das süße Früchtchen.

Es handelt sich nicht um eine Fotografie, auch wenn es aus zwei Metern Entfernung noch so wirkt. Auch keine Malerei in Acryl. Sondern eine Zeichnung mit Buntstiften. Derart sauber nuanciert, dass kein Strich auszumachen ist. Die Stofflichkeit der Erdbeere ist perfekt wiedergegeben.

Noch weitere Kostproben hängen an den Wänden der Volkshochschule: Tomaten, Peperoni, Dahlien, Narzissen und Pfingstrosen. Aber auch Tiere wie Hund und Hausschwein, Hausfronten der Gustavstraße, Mauerwerk der Nürnberger Burg, und sogar ein küssendes Hochzeitspaar.

Pflanzen- und Fruchtstudien von solch verblüffender Akkuratesse findet man sonst nur in alten Biologie- und Botanikbüchern. Deren leicht klinische Kälte schwingt in Susanne Habermanns Bildern auch mit, insofern sie ihre Flora meist als Einzelstück auf weißem Grund abbildet. Ohne Umgebung, ohne Milieu, ohne Teller. Allein der weiße Raum umgibt das jeweilige Exemplar, als ob es in der Leere schwebe. Andererseits ist diesen Bildern doch eine Anmutung zu eigen, die über die rein klinische Studie hinausgeht, speziell bei den Blumen. Eine ähnliche Vorliebe fürs Objekt strahlt auch die dreiteilige Serie "Auf Zehenspitzen" aus. Schuhfetischisten dürften angesichts der penibel wiedergegebenen Schuhmuster kurz vor dem Kollaps stehen.

Warum unterzieht sich ein Maler dem Geduldsspiel einer fotorealistischen Wiedergabe, wenn ein Foto denselben Zweck erfüllt? Susanne Habermann, Jahrgang 1981, begreift ihre Bilder als Fels in der Brandung der Bilderflut. Sie lehren angesichts der Bildschwemme das genaue Hinsehen, vor allem aber: das Staunen an der Gestalt scheinbar unscheinbarer Dinge. Und nichts erweckt solch unbändige Lust auf Süßes wie Erdbeeren aus dem Hause Habermann.

ZDetailliert – Fotorealistische Zeichnungen: bis 27. Juli in der vhs Fürth, Hirschenstraße 27  

REINHARD KALB

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