Dienstag, 11.12.2018

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Slammerin Lara Ermer erhält den Kulturförderpreis - 11.11.2018 12:00 Uhr

„Junge Leute werden grundsätzlich unterschätzt“: Poetry Slams gewinnt Lara Ermer in schöner Regelmäßigkeit, darüber hinaus gibt sie Workshops an Schulen und schreibt Texte für Firmen. © Foto: Hans-Joachim Winckler


Lara Ermer über. . .

 

. . .sich:

Ich bin freie Kulturschaffende, Slammerin, gebe Workshops an Schulen ohne Rassismus — zum Beispiel, wie man Texte präsentiert und Bühnenpräsenz lernt —, und ich schreibe Auftragstexte für firmeninterne Veranstaltungen.

 

. . .ihr literarisches Profil:

Ich schreibe ehrlich und persönlich, Texte, die auch mal weh tun. Ich mag Tabubrüche und das Unerwartbare, da habe ich eine gute Bandbreite. Ich liebe die Interaktion mit dem Publikum, mal will ich es zum Lachen, mal zum Schweigen bringen. Jedes Mal ist die Stimmung anders, dadurch ist auch das Risiko größer, das gefällt mir. Wenige meiner Texte sind einfach nur albern. Mein lustigster ist der zum Thema Menstruation. Und ich möchte gern dem Sterben seine Schwere nehmen.

 

. . .Fürth:

Ich bin in Fürth geboren, weil das Krankenhaus in Nürnberg voll war. Ich war 13, als meine Familie von Nürnberg nach Fürth zog, dagegen habe ich mich zunächst sehr gewehrt. Dann aber habe ich mich sofort in Fürth verknallt. Die Mischung zwischen Dorf und Stadt finde ich sehr, sehr spannend. Bis zum Abi blieb ich aber trotzdem an der Wilhelm-Löhe-Schule.

. . .den Kulturförderpreis:

Das hat mich unfassbar gefreut. Die Auszeichnung klingt für mich sehr nach Hochkultur.

 

. . .die "Rooftop Stories":

Ich war mit meiner Mutter in der Volksbücherei Neue Mitte und sagte, Mensch, da muss man doch was machen. Die Kollegen von der "Schaffenskrise" kannte ich von gemeinsamen Auftritten auf der Freilichtbühne im Stadtpark. Ein regelmäßiger Auftrittsort für junge Literaten und Musiker, das gab es vorher nicht. Es geht schon auch darum, Lücken zu entdecken.

 

. . .literarische Anfänge:

Ich habe schon immer wahnsinnig viel gelesen. Und ich schrieb in der Grundschule Gedichte, die ganz furchtbar waren. Das Gedicht über eine Rose trage ich heute noch in Grundschulen vor und sage dann immer: "Seht ihr, so hab’ ich auch mal angefangen."

 

. . .den Beginn als Slammerin:

Als ich 14 war, habe ich erstmals von Poetry Slams gehört. In St. Michael gab es einen Kirchen-Slam. Den habe ich gewonnen — tja, und Blut geleckt.

 

. . .das Leben als Slammerin:

Ich habe rund 16 Auftritte im Monat, habe Slams in Liechtenstein und Belgien. Ganz so cool wie im Rock’n’Roll-Tourbus ist dieses Leben allerdings nicht. Ich habe praktisch im Zug studiert und meine Hausarbeiten im ICE geschrieben.

 

. . .das Tolle an Poetry Slams:

Es ist ein bisschen von vielem. Von Comedy bis zu Impro und Lyrik passiert so viel, es wird nie langweilig. Die Branche ist cool, man spürt überall eine große Leidenschaft und viel Ehrgeiz, obwohl es definitiv nicht ums Gewinnen geht. Und : Es ist Literatur für junge Leute. Junge Leute werden grundsätzlich unterschätzt. Die herkömmliche Lesung, in der ein Autor an einem Tisch sein Buch aufklappt, hat in Zeiten von Podcasts und der absoluten Verfügbarkeit von Literatur keinen Mehrwert mehr. Ein Slam hingegen bezieht das Publikum mit ein. Slammer sind sehr nahbar. Texte sind viel besser, wenn sie gesehen werden. Deshalb wird es von mir auch kein Buch mit meinen Texten geben.

 

. . .Inspiration:

Das ist ganz unterschiedlich. Lange Zeit hab’ ich auf Geistesblitze gewartet, oft hab’ ich mein Bauchgefühl vertextet, aber wirklich inspirierend war das nicht. Meist ist es so: Mir fällt etwas ein, dann recherchiere ich dazu einen Tag lang, dann schreibe ich.

 

. . .literarische Vorbilder:

Ich habe unfassbar viele Bücher von Haruki Murakami und Martin Suter. Was die Poetryszene betrifft, bin ich ein großer Fan von Pauline Füg, die glücklicherweise neuerdings nach Fürth gezogen ist. Sie macht so richtig Lyrik — im Gegensatz zu vielen Slammern, die oft zu stark auf reines Entertainment setzen.

 

. . .Kritik:

Meine schärfste Kritikerin bin ich selbst, früher war es meine Deutschlehrerin. Das Publikum kann sehr hart sein, es gibt Leute, die gehen mitten im Vortrag. Ich weiß, ich bin frech, mein Text übers Sterben ist gemein. Trotzdem wäre ich jemand, der sich, wenn er im Publikum säße, damit auseinandersetzen würde.

 

. . .Ambitionen:

Ich plane nicht den großen Wurf. Viele Kollegen bezeichnen sich als Künstler, ich bezeichne mich als Kulturschaffende. Sieben Minuten Bühnenzeit kriege ich gefüllt, aber ich habe kein Soloprogramm.

 

. . .Politik:

Ich habe mich lange Zeit nicht getraut, meine Bühnenfigur als politische Figur zu definieren. Anfang 2018 schrieb ich dann einen Text über das bayerische Polizeiaufgabengesetz. Ich fühle mich im Zwiespalt, weil ich einerseits glaube, politisch nicht genug gebildet zu sein, anderseits auf der Bühne eine Vorbildfigur sein möchte.

. . .verborgene Talente:

Ich spiele ganz solide Klavier, aber ich muss nicht alles an die Öffentlichkeit tragen. Ich backe sehr gut Kuchen, habe sogar auch mal über eine Konditorenausbildung nachgedacht. Meine Whisky-Schokoladen-Torte ist legendär. Auf vielen Slams bekommt man nämlich eine Flasche Whisky als Gewinn, und der muss ja irgendwohin.

 

. . .die Zukunft:

Wohin der Weg geht? Ich habe keine Ahnung. Ich werde sicher noch meinen Master machen. Derzeit bin ich erst einmal unfassbar dankbar, dass ich mein Hobby zum Beruf machen konnte. Ob das aber den Rest meines Lebens so bleibt, wage ich nicht vorherzusagen. Mein Schwerpunkt im Studium an der FAU Erlangen ist Tiefenpsychologie. Aktuell aber wäre ich mit einem Nine-to-five-Job nicht glücklich, so viel ist klar. 

Interview: Matthias Boll

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