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Stühle-Aktion in Fürth: Setzt euch, es ist Kunst!

Barbara Engelhard hat am Paradiesbrunnen jede Menge Sitzgelegenheiten aufgestellt - 25.07.2018 12:30 Uhr

Immer stärker wird in Städten und urbanen Wohngebieten der freie Aufenthalt an Plätzen reglementiert. Barbara Engelhard setzt dagegen ein Zeichen mit ihrer Arbeit „***kommt zusammen“. Eröffnung: heute Abend. © Hans-Joachim Winckler


Kunst im öffentlichen Raum hat es an sich, dass sie sich nicht im Verborgenen abspielt: Jeder, der in diesen Tagen über die kleine Freiheit schlendert, wird die vielen Stühle am Paradiesbrunnen wahrnehmen. Und Barbara Engelhard ist sich sicher: Ihre Rechnung wird aufgehen.

"***kommt zusammen", fordert sie und sprüht es mit Kreidefarbe bunt aufs Kopfsteinpflaster — dorthin, wo sie 400 Stühle gruppiert hat. "Diese Stühle", erklärt die 1974 geborene Fürther Künstlerin, die an der Akademie der Nachbarstadt bei Christiane Colditz und Werner Knaupp studierte, "sind alle gebraucht, gesammelt, viele vor dem Schreddern gerettet." Spendiert haben sie - nachdem Engelhard dazu aufgerufen hatte - Mitmenschen aus Stadt und Landkreis, sogar aus Nürnberg, wo Engelhards künstlerische Aktivitäten bestens bekannt sind.

"Rückgabe des öffentliches Raumes an die Bürger", das ist ihre Idee. Das heißt, dass Leute wie du und ich auf den ornamentalisch angeordneten, gruppenweise mit Kunststoff-Fesseln verbundenen Stühlen am Paradiesbrunnen Platz nehmen sollen: "Sie sollen hier stricken, ratschen, karteln, lesen, Picknick machen", so wünscht es sich Engelhard, die bereits bei der "Blauen Nacht" die Kaiserburg illuminierte und neben anderen Auszeichnungen 2014 den Debütantenpreis des Freistaates sowie 2017 den Nürnberger Kulturpreis entgegennahm. Immer stärker werde der freie Aufenthalt an Plätzen reglementiert und Konsumzwängen unterworfen. Zu verweilen, ohne etwa in einem Café etwas zu bestellen, ist an vielen Plätzen nicht mehr möglich. Engelhards Arbeit, die im Programmkalender des Stadtjubiläums steht, will genau das thematisieren und kritisieren, indem sie den Fürthern Ungezwungenheit und Freiheit spendiert.

Kanapees und Krankenhaus-Stühle

Man sitzt also auf ehemaligen Kaffeehaus-Stühlen, kleinen Kanapees, billigem Plastiküberzug oder edlem Leder, auf Polstersesseln, Brauereistühlen, einer ausgedienten Krankenhaus-Bestuhlung, auf Esszimmer-Garnituren, ziemlich schicken und total heruntergeranzten Möbeln. Aber auf jeden Fall niederschwellig – auch, was die Kunst betrifft. Denn das gehört zu den herausragenden kreativen Fähigkeiten, die Engelhard schon häufiger bewiesen hat: Sie kann eine Installation stimmig machen, gedankentief — aber nicht ins Endlose enthoben.

Und kaum steht die Kunst, kommen die Leute von der Eisbude herüber. Der Besitzer, der bei gutem Wetter gewiss vom Engelhard’schen Stuhlkreis profitieren wird, kann mit all dem nichts anfangen ("das ist mir egal"). Die Fürther Musikerin Valentina Pilny hingegen, die hier ihren Kindern während des Aufbaus ein Eis spendiert, ist gleich begeistert: "Das ist doch wunderbar, das lädt geradezu zum Sitzen und Verweilen ein." Es könnte also sein, dass Engelhards Plan ("die Leute erkennen das gleich und nehmen den Platz in Besitz") aufgeht.

Am 3. August dürfen alle, die gerne singen, hier Platz nehmen. Georgina Demmer wird von 16 bis 17.30 Uhr einen offenen Singkreis anleiten. Und zum Finale am 12. August wird die Sache richtig rund: "Die Stühle sollen vom öffentlichen wieder in den privaten Raum gelangen", so hat Barbara Engelhard sich das vorgestellt. "Bei der Finissage ab 17 Uhr kann man auf einem Wunschstuhl Platz nehmen. Den darf man mit nach Hause nehmen, für 20 Euro von mir signiert." 

Peter Budig

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