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Sonntag, 23.09.2018

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UN-Friedensmission: Fürther dient derzeit in Mali

Frankenstammtisch lässt die Heimat lebendig werden - Gefährlicher Einsatz - 06.09.2018 06:00 Uhr

Der Frankenstammtisch ist jeden Sonntag beliebter Treffpunkt der Soldaten. Der Fürther Stefan J. (vorne links) genießt mit seinen Kameraden Spezialitäten aus der Heimat. © Foto: Enric Boixadós


Er freut sich schon auf seine Freundin. Verständnisvoll war sie damals am Militärflughafen Köln-Bonn, als der Fürther in die Wüste flog. Das schätzt er an ihr und vieles mehr. Ende September wird Stefan J. sie in die Arme schließen können und wieder heimischen Boden unter den Füßen spüren. Bis dahin muss er sich mit dem Anblick von rotem Wüstensand begnügen.

Der "Frankenstammtisch" hilft ihm dabei. Wie jeden Sonntag sitzt der Hauptfeldwebel mit fränkischen Kameraden im Freien vor der Castor-Bar. Das muss sein, dieses bisschen Gefühl von Heimat. Das schweißt zusammen. Kameradschaft ist bei der Bundeswehr ein großes Thema, und es wird am Stammtisch auch im Kleinen zelebriert. Mit heimischen Würstchen, Salami und "Opa’s Weißem". Die Feldpost hat die Schmankerl gebracht. Geschickt von den Lieben zuhause. Dazu Baguette aus der Kantine als Hommage an das französische Protektorat, zu dem Mali einst zählte.

Stefan J. wuchs in Fürth auf, in Deutschland ist er in der Falckenstein-Kaserne in Koblenz stationiert. Während seines Auslandseinsatzes in Nordmali, als Teil der UN-Friedensmission Minusma, koordiniert der 32-Jährige im "Camp Castor" die Sanitäter, stellt die Dienstpläne auf.

Trutzburg im roten Sand

Wie eine Trutzburg mit drei Kilometern Mauer und Stacheldraht ragt das deutsche Lager aus dem roten Sand. Einen Steinwurf entfernt liegt die einst blühende Stadt Gao, die heute nur noch mit Patrouillen in geschützten Fahrzeugen angefahren wird. Temperaturen um die 40 Grad gehören zum Alltag. Soldatenleben im Extremen.

In unmittelbarer Nähe der Deutschen steht das so genannte Super Camp der Vereinten Nationen samt Militärkrankenhaus und Truppen aus dem Senegal, China und Bangladesch. Ziel aller ist es, den Konfliktherd zu befrieden. Kein leichtes Unterfangen, denn Nordmali allein hat eine Fläche von der doppelten Größe Deutschlands.

Der Einsatz gilt derzeit als die gefährlichste Mission weltweit. Aber: "Mali ist nicht Afghanistan", betont Kontingentführer Aslak Heisner. "Jeder Einsatz ist anders, die Konflikte sind vielschichtig: Die Ursachen unterscheiden sich und auch die Herausforderungen vor Ort." Mit Blick auf seine Erfahrungen stellt er fest, dass das Engagement der Bundeswehr in allen Einsatzgebieten den Menschen immer Perspektiven und Hoffnungen gegeben habe. "Dazu haben wir mit unseren Verbündeten und Partnern unseren Beitrag geleistet. Das ist eine Gemeinsamkeit, und die gilt auch für Mali und Minusma."

Dialog mit den Dorfältesten

12 000 Soldaten beteiligen sich an dieser UN-Friedensmission. Sie sollen den malischen Staat stabilisieren und einem drohenden Bürgerkrieg entgegenwirken. Die rund 1000 deutschen Soldatinnen und Soldaten haben die Aufgabe, Minusma Aufklärungsergebnisse zu liefern. Dazu fahren sie in die umliegenden Dörfer, um mit den Dorfältesten und lokalen Autoritäten zu reden. Darüber hinaus sammelt die Aufklärungs-Task Force für Minusma Informationen zur Nahrungsmittelsicherheit sowie über die Infrastruktur der Dörfer, bewaffnete Gruppen, Terrormilizen und die allgemeine Sicherheitslage.

Stefan J. und seine Kameraden prosten sich zu. Es gibt Weißbier. Alkoholfrei, versteht sich. Im Camp herrscht Null Promille – für den gesamten Einsatz. Der Fürther koordiniert fünf Rettungsteams für den Fall der Fälle. Anfang 2018 gab es einige Angriffe auf Konvois und auch immer wieder Mörserbeschuss. Im April schlug eine von drei abgefeuerten Raketen in der Nähe des Super Camps in Gao ein. Verletzt wurde niemand.

In das UN-Camp bei Timbuktu haben bereits neun Selbstmordattentäter einzudringen versucht. Sie wurden abgewehrt. Dagegen nahmen die Anschläge im Raum Gao ab. Die Hauptprobleme haben sich nun in die Zentralregion, um die Gegend von Mopti, verschoben. Mit Sprengfallen und terroristischen Angriffen.

Bei einem Anschlag mit Verletzten gilt die 10-1-2-Regel. Das heißt, dass in zehn Minuten die Erste Hilfe durch Kameraden vor Ort erfolgen muss. Innerhalb der ersten Stunde muss die Verwundeten ein Arzt behandeln, der mit dem MedVac-Hubschrauber aus dem Camp eingeflogen wird. Ihn flankieren ein bis zwei Kampfhubschrauber, um die Evakuierung zu sichern. Innerhalb von zwei Stunden müssen die Soldaten in einem Militärkrankenhaus wie im nahe gelegenen UN-Super Camp versorgt werden. Das ist das Szenario für den Ernstfall, der jederzeit eintreten kann. "Alle Sanitätseinsätze der Deutschen laufen über mich. Das gilt es zu koordinieren mit all dem nötigen Papierkram", erklärt Stefan J.

Überhitzter Diensthund

Bis jetzt verliefen die Einsätze glimpflich. "Wir hatten drei Verletzte, die aufgrund der Hitze kollabierten", so Stefan J. Einmal wurde einer der Diensthunde in die Rettungsstelle gebracht, auch ihm hatte das Wüstenklima zugesetzt. "Die Veterinärin und das Notfallteam haben ihn runtergekühlt." Das Tier konnte nach einer Stunde die Rettungsstelle wieder auf allen vier Pfoten verlassen. Im Camp sind mehrere Schutz- und Sprengstoffhunde untergebracht.

Jetzt freut sich Stefan J. auf Familie und Freunde, die er in Fürth besuchen will, bevor er nach Koblenz zurückkehrt. "Und auf das gute Bier", sagt er und lacht. Das Mandat der Bundeswehr in Mali geht bis Mai 2019. Die Verlängerung ist so gut wie sicher. Frieden im Wüstenstaat wird es so schnell nicht geben. Kanzlerin Angela Merkel hat Anfang des Jahres erklärt, Deutschland werde bis 2020 rund 1,7 Milliarden Euro für die Entwicklung der Sahelstaaten ausgeben.

Stefan J. will nächstes Jahr heiraten. Endlich. Kein Einsatz soll ihm in die Quere kommen. Der Berufssoldat träumt vom Familienleben. Die fränkischen Wimpel über dem Stammtisch flattern im Wüstenwind. Noch ein Prost auf die Heimat, dann geht es für die Kameraden zurück an den Arbeitsplatz. Auch wenn es Sonntag ist.  

SABINE LUDWIG

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