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Unterschlauersbach schafft Fledermauswohnungen

Keller aus der Nachkriegszeit wird zum Quartier - 27.08.2017 14:00 Uhr

Stolz, dass der Keller der Vorfahren nicht in Vergessenheit gerät: Enkelin Sigrid Lews und Urenkelin Mary-Ann vor dem neuen Fledermaus-Quartier. © Foto: Petra Fiedler


Parallel zur Durchgangsstraße führt in Unterschlauersbach ein neu gepflasterter Weg zur Kirche. "Das was heute den Namen ,Am Marktplatz‘ trägt, war in früheren Zeiten unsere Totengasse", erzählt Gemeinderätin Lydia Striebel. Die ehemalige Ortsbäuerin kennt jeden und die Geschichte des Dorfes sowieso. "Früher gab man den Verstorbenen das letzte Geleit auf dieser Gasse", erinnert sie an die Bedeutung des Sträßchens, in dem ehemals rein bäuerlich geprägten Dorf.

Gerne erzählt Striebel auch, wem die Unterschlauersbacher nun das Fledermausrefugium zu verdanken haben: "Das waren die Eheleute Anna und Franz Richter". Aus dem Sudetenland hatte es sie nach Mittelfranken verschlagen. Ein Stück Acker erstanden sie nach Krieg und Flucht 1954 gegenüber der Kirche und errichteten darauf ein für die Nachkriegszeit typisches Häuschen. Weil das Richter‘sche Grundstück mehrere Meter höher als der "Marktplatz" liegt und steil abfällt, war die Anlage eines Kellers möglich.

Die Eheleute, 1908 und 1914 geboren, haben ihn gegraben. Sigrid Lews, Enkelin der beiden, kennt noch die Erzählungen von Oma und Opa: "Sie brauchten einen Brunnen und suchten mit der Wünschelrute nach Wasser." Anna und Franz Richter schufteten mit Schaufel und Meißel oft bis in die späte Nacht. Es dauerte Wochen, bis sie endlich fündig wurden. "Es war eine furchtbare Plagerei", sinniert Sigrid Lews, die sich voll Achtung an die unglaubliche Leistung der Großeltern erinnert. In den Jahren 1954/55 sind auf diese Weise Keller und Brunnen entstanden.

"Zu warm ist es jetzt darin", erzählt sie und rätselt, ob das an der Witterung liegt oder an der fehlenden Beschattung großer Linden, die früher auf der anderen Straßenseite standen. Sie und ihr Mann James hätten den Keller jedenfalls nicht mehr zur Vorratslagerung nutzen können. Er ist in Vergessenheit geraten. Vor der Umgestaltung des Dorfes überwucherte Wilder Wein den steilen Hang und damit den Eingang des Kellers.

Heute türmen sich dort Sandsteinquader zu einer ordentlichen und tragfähigen Mauer auf. Und zwischen den Blöcken ist nun eine eher unscheinbare Tür angelegt. Nur der schmale Einflugschlitz und ein Schild verraten, dass hier nicht nur Naturschutz praktiziert wird, sondern auch ein Stück deutscher Nachkriegsgeschichte geschrieben wurde.

Die unglaubliche Leistung der Großeltern Anna und Franz Richter wollten Bürgermeister Friedrich Biegel und Helmut Treuheit, Vorsitzender der Teilnehmergemeinschaft Flurbereinigung, nicht in Vergessenheit geraten lassen. Treuheit, vom Amt für ländliche Entwicklung Ansbach, hat ein Hobby: "Ich stöbere gerne in Ortsgeschichten und begebe mich auf Ahnenforschung." Die Geschichte der Richters faszinierte ihn. "Deshalb die Hinweistafel vor dem Keller, wem wir ihn zu verdanken haben und unter welchen Umständen er entstand".

Den Keller einfach mit Bauschutt aufzufüllen, sei nicht infrage gekommen. "Knapp 2000 Euro hat uns der Fledermauskeller gekostet", sagt Biegel. Bei einem Gesamtvolumen von 220 000 Euro für die Dorferneuerung sei das gerade mal ein Prozent.

Jetzt heißt es in Unterschlauersbach, sich in Geduld zu üben. Denn Fledermäuse brauchen oft Jahre, bis sie neue Rückzugsorte in Besitz nehmen. Bürgermeister Biegel scherzt: "Kommunen sind ja in der Pflicht, sozialen Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Wir tun das auch für die Fledermäuse." 

PETRA FIEDLER

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